Rund 370.000 offene MINT-Stellen, der Abstieg im globalen Innovationsranking und der demografisch bedingte Fachkräftemangel stellen den Innovationsstandort Deutschland vor Herausforderungen. Nach Einschätzung des VDI wird dabei das Potenzial von Frauen in MINT-Berufen bislang nicht ausreichend genutzt. Im Rahmen der Initiative „Zukunft Deutschland 2050“ hat der VDI die Studie „Frauen in MINT-Berufen – Potenziale entfalten, Innovationskraft stärken“ veröffentlicht. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass eine stärkere Beteiligung von Frauen in MINT-Berufen zur Sicherung von Fachkräften und zur Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands beitragen kann. Vorgestellt wurde die Studie am 10. Oktober beim VDI-WoMentorING Future Summit in Essen.
Mit der Studie „Frauen in MINT-Berufen“ baut der VDI auf die im Frühjahr veröffentlichte VDI/IW-Studie „Ingenieurinnen in Deutschland“ auf. Darin wird aufgezeigt, dass ein höherer Frauenanteil in MINT-Berufen bis 2035 zusätzliche Wertschöpfung in Milliardenhöhe generieren könnte. Die neue Untersuchung richtet den Blick auf bestehende Herausforderungen und benennt Maßnahmen, die Frauen bei der Entfaltung ihrer Potenziale in MINT-Berufen unterstützen können.
Zentrale Probleme: Identitätskosten und Geschlechterstereotype
Das Kernproblem liegt in hartnäckigen Geschlechterstereotypen, die von der frühen Kindheit bis in die Führungsetagen wirken, wie die Studie zu Frauen in MINT-Berufen verdeutlicht. Und die Lücke zwischen Können und Selbstbild entsteht schon früh: Bereits im Kita-Alter prägen Spielzeugwelten, Sprache und unbewusste Erwartungen von Bezugspersonen, wem technische Fähigkeiten zugetraut werden.
Im Berufsleben wirken diese Prägungen fort. In männlich geprägten MINT-Fachkulturen können für Frauen sogenannte „Identitätskosten" entstehen, wenn sie vor allem als Vertreterinnen ihres Geschlechts und nicht als Fachpersonen wahrgenommen werden. Das kann Zugehörigkeitsgefühl und Selbstvertrauen nachhaltig beeinträchtigen. 96 Prozent der in der neuen VDI-Studie befragten Frauen halten die Überwindung von Geschlechterstereotypen für wichtig; 68 Prozent erleben entsprechende Stereotype als konkrete Herausforderung in ihrem aktuellen beruflichen Umfeld.
Befragte erwarten Veränderungen durch mehr Frauen in Führung
91 Prozent der in der VDI-Studie Befragten erwarten Veränderungen, wenn mehr Frauen Führungspositionen bekleiden. Von diesen Befragten erwarten 85 Prozent eine stärkere Berücksichtigung ethischer Fragen in der Technologieentwicklung und 75 Prozent eine höhere Priorisierung von Nachhaltigkeit. 84 Prozent der Befragten bewerten die Unterrepräsentanz von Frauen in Führungspositionen als relevante Herausforderung im beruflichen Umfeld. Belegt ist zudem, dass Mädchen und junge Frauen sich besonders durch ethische, gesellschaftliche und nachhaltigkeitsbezogene Fragestellungen für MINT-Themen begeistern lassen. Das ist kein Widerspruch zu technologischer Exzellenz – es ist eine Einladung, MINT-Bildung breiter zu gestalten.
Die Strukturen müssen sich ändern – nicht die Frauen
„Nicht Frauen müssen sich an bestehende MINT- und Arbeitsstrukturen anpassen, sondern die Strukturen müssen sich weiterentwickeln. Flexible Arbeitszeitmodelle und geteilte Führung sind der Schlüssel, um Talente zu binden, statt sie auszugrenzen“, sagt Frank Dieball, Leiter Qualifikation der VDI-Initiative Zukunft Deutschland 2050.
68 Prozent der erwerbstätigen Mütter mit minderjährigen Kindern arbeiten in Teilzeit, bei Vätern sind es nur 8 Prozent (Destatis 2026). Bundesweit konnten 2025 rund 300.000 Betreuungswünsche für Kinder unter drei Jahren nicht erfüllt werden. Darüber hinaus wenden erwerbstätige Frauen, die Angehörige regelmäßig an Werktagen unbezahlt pflegen, dafür durchschnittlich rund 80 Prozent mehr Zeit auf als Männer in derselben Situation.
Die VDI-Studie plädiert für ein grundlegend neues Verständnis von Erwerbsarbeit: Arbeitszeit als flexiblen Umfang über verschiedene Lebensphasen zu denken, statt Teilzeit mit Karrierenachteilen zu verknüpfen. 61 Prozent der Befragten befürworten geteilte Führung (Topsharing). Von den Frauen ohne aktuelle Führungsverantwortung würde fast jede zweite (48 Prozent) eine Führungsposition anstreben, wenn diese in Teilzeit möglich wäre. Technologische Entwicklungen wie Robotik und Künstliche Intelligenz bieten zusätzliches Potenzial, Care-Belastungen zu reduzieren.
Potenziale entfalten: Das 5-Ebenen-Modell
Ein zentrales Studienergebnis: Geschlechterstereotype können Bildungs- und Berufswege prägen – von der frühen Kindheit bis in Führungspositionen. Die Analysen der Studie basieren auf dem 5-Ebenen-Modell der VDI-Initiative „Zukunft Deutschland 2050“ und zeigen auf, welche Hebel ineinandergreifen müssen, um Frauen in MINT zu fördern: vielfältige Bilder von Frauen in technischen Berufen (gesellschaftliche Ebene), Genderkompetenz verbindlich in der Bildung verankern (regulatorisch-politisch), Personalentscheidungen nach transparenten Kriterien, die stereotype Bewertungen in Unternehmen möglichst vermeiden (ökonomisch), Mentoring und erreichbare Vorbilder für Frauen (individuell) und männlich geprägte Fachkulturen aufbrechen (technologisch-fachkulturell).
Über die Studie
Die Studie „Frauen in MINT-Berufen – Potenziale entfalten, Innovationskraft stärken" wurde im Rahmen der VDI-Initiative „Zukunft Deutschland 2050" erarbeitet. Methodische Grundlage sind vier explorativ ausgerichtete Workshops mit insgesamt 21 Teilnehmerinnen aus unterschiedlichen Karrierephasen in MINT-Berufen (Juli und September 2025), eine standardisierte Online-Befragung mit 1.274 Teilnehmenden (Januar/Februar 2026) sowie ein Expert-Panel auf der Hannover Messe im April 2026. Die Befunde werden mit aktuellen wissenschaftlichen und statistischen Erkenntnissen eingeordnet, insbesondere der VDI/IW-Studie „Ingenieurinnen in Deutschland – Potenziale, Herausforderungen und Entwicklungen" (erschienen im April 2026).
(Quelle: VDI e. V.)
Schlagworte
ArbeitsszeitmodelleFachkräftemangelGeschlechterstereotypeInnovationskraftInnovationsstandort DeutschlandMINTStudieWertschöpfungWettbewerbsfähigkeit