Wirtschaft
Ingenieurarbeitsmarkt: VDI ordnet ein und zeigt Potenziale - © Symbolbild via GettyImages
27.09.2026

VDI/IW-Ingenieurmonitor zum Strukturwandel am Arbeitsmarkt

Die Zahlen sind eindeutig und betreffen viele Menschen: Im vierten Quartal 2025 waren laut aktuellem VDI-/IW-Ingenieurmonitor 96.760 Stellen in Ingenieur- und Informatikberufen offen, also 18,2 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Die Zahl der Arbeitslosen in diesen Berufsfeldern stieg auf 58.392 – den höchsten Stand seit Beginn der Erhebungen im Jahr 2011. Der VDI nimmt diese Entwicklung ernst und ordnet sie ein.

„Die konjunkturelle Schwäche und der Strukturwandel machen sich auf dem Arbeitsmarkt deutlich bemerkbar. ", betont VDI-Direktor Adrian Willig. „Aber der Fachkräftebedarf verschwindet nicht, er verändert sich. Deutschland braucht weiterhin qualifizierte Ingenieurinnen und Ingenieure, wenn wir in Zukunftsfeldern wie Energie, Digitalisierung und Medizintechnik wettbewerbsfähig bleiben wollen“, so Willig weiter.

„Wirtschaftliche Transformationen spielen sich auch am Arbeitsmarkt ab und eine Konsequenz davon sind aktuell weniger offene Stellen. Die Gestaltung des Technologiestandorts Deutschland braucht jedoch langfristig kluge Köpfe und Umsetzer", ergänzt VDI-Arbeitsmarktexperte Maximilian Stindt.

Ausblick bis 2040: Beschäftigung steigt auf bis zu 1,95 Millionen

Der aktuelle VDI/IW-Ingenieurmonitor 2025/IV, den der VDI und das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) gemeinsam herausgeben, modelliert die Entwicklung bis 2040. Im Best-Case-Szenario wächst die Beschäftigung in Ingenieur- und Informatikberufen auf rund 1,95 Millionen, also um 194.100. Das Basisszenario ist die Referenzgröße, welches die Beschäftigungsentwicklung bei gleichbleibenden Rahmenbedingungen fortschreibt – die zusätzlichen Fachkräfte beschreiben den Mehrwert, der durch gezielte Aktivierung von Frauen, Älteren und Zugewanderten gegenüber diesem Wert erschlossen werden kann. Der volkswirtschaftliche Effekt davon auf Basis eines Wertschöpfungsbeitrags von 124.000 Euro pro Jahr pro Person: ein zusätzlicher Wertschöpfungsgewinn von 24,1 Milliarden Euro im Jahr 2040.

Damit dieses Potenzial realisiert werden kann, braucht es jetzt zwei Hebel:

Re-Skilling für zukunftsfähige Kompetenzen: Die Transformation von Branchen erfordert neue Qualifikationsprofile. Re-Skilling hilft Ingenieurinnen und Ingenieuren, Veränderungen in der eigenen Branche mitzugestalten oder gezielt in zukunftsfähige Bereiche zu wechseln. Eine aktuelle Studie zu Qualifikation und Re-Skilling im Rahmen der VDI-Initiative Zukunft Deutschland 2050 zeigt, welche Maßnahmen wirksam sind und welchen Beitrag Unternehmen und Politik leisten müssen.

Potenziale gleichberechtigt erschließen: Der demografische Wandel engt das verfügbare Fachkräfteangebot systematisch ein. Der Ingenieurarbeitsmarkt muss offener werden: für Frauen, ältere Erwerbstätige und Zugewanderte. Eine weitere VDI-Studie zu Ingenieurinnen in Deutschland untersucht unter anderem, welche Rolle flexible Arbeitszeit- und Teilzeitmodelle für die Gewinnung und Bindung weiblicher Fachkräfte spielen. Im Best-Case-Szenario könnten bis 2040 allein durch mehr Frauen in Ingenieur- und Informatikberufen rund 91.700 zusätzliche Fachkräfte gewonnen werden.

„Wer jetzt in Qualifizierung investiert, mehr Frauen für technische Berufe gewinnt, erfahrene Beschäftigte länger im Erwerbsleben hält und die Zuwanderung qualifizierter Fachkräfte erleichtert, stärkt die Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit des Technologiestandorts Deutschland", erklärt Adrian Willig.

Hintergrund: Transformation, kein Strukturbruch

Was die aktuellen Zahlen beschreiben, ist also nicht das Ende des Ingenieurberufs, sondern vielmehr Ausdruck einer tiefgreifenden wirtschaftlichen Transformation. Besonders sichtbar im Automobil- und Maschinenbaubereich: Branchen, die unter geopolitischem Druck und veränderter Nachfrage ihre Geschäftsmodelle neu ausrichten, verändern auch ihre Stellenprofile. Doch weniger Stellen von gestern bedeuten nicht zwingend weniger Bedarf von morgen.

Das belegt ein Blick auf die Engpasssituation am Ingenieurarbeitsmarkt: Auf 100 Arbeitslose in Ingenieur- und Informatikberufen kamen im vierten Quartal 2025 bundesweit noch immer 166 offene Stellen – in den Maschinen- und Fahrzeugtechnikberufen lag die Kennziffer sogar bei 173. Der strukturelle Fachkräftemangel ist nicht verschwunden. Er ist derzeit überlagert.

Zugleich liefert die Altersstruktur im Zuge des demografischen Wandels ein klares Signal zum Ersatzbedarf: 28,5 Prozent der Erwerbstätigen in den Fachrichtungen Maschinenbau, Metallverarbeitung, Kraftfahrzeuge, Schiffe und Flugzeuge sind mindestens 55 Jahre alt. Diese Altersgruppe tritt in den kommenden Jahren nach und nach in den Ruhestand ein. Und: Trotz der anhaltend schwierigen konjunkturellen Lage verzeichnete die Beschäftigung in Ingenieur- und Informatikberufen noch ein leichtes Wachstum – ein Zeichen für die fortbestehende strukturelle Nachfrage.

Dowload VDI/IW-Ingenieurmonitor 2025/IV 

(Quelle: VDI e. V.)

 

Schlagworte

ArbeitsmarktDigitalisierungEnergiesektorFachkräftemangelInformatikIngenieurwesenMedizintechnikRe-SkillingStrukturwandel

Verwandte Artikel

Neue VDI-Studie zu Frauen in MINT-Berufen
15.10.2026

Frauen in MINT: Deutschland verschenkt Milliardenpotenzial

Im Rahmen der Initiative „Zukunft Deutschland 2050“ hat der VDI die Studie „Frauen in MINT-Berufen – Potenziale entfalten, Innovationskraft stärken“ veröffentlicht.

Arbeitsszeitmodelle Fachkräftemangel Geschlechterstereotype Innovationskraft Innovationsstandort Deutschland MINT Studie Wertschöpfung Wettbewerbsfähigkeit
Mehr erfahren
Kay André Weidenmann, Leiter des Forschungsbereichs Polymer Engineering am Fraunhofer ICT in Pfinztal
14.10.2026

Prof. Dr.-Ing. Kay André Weidenmann ist neuer Leiter am Fraunhofer ICT

Prof. Dr.-Ing. Kay André Weidenmann ist seit 1. Oktober 2026 Leiter des Forschungsbereichs Polymer Engineering am Fraunhofer-Institut für Chemische Technologie ICT in Pfi...

Digitalisierung Forschung Fügen von Kunststoffen Joining Plastics JP Kunstsofftechnik Nachhaltigkeit Polymere Resilienz Werkstofftechnik
Mehr erfahren
DVS Group
13.10.2026

Geplante Kürzung der For­schungs­för­de­rung zurück­nehmen

DVS Forschung und FOSTA warnen davor, im Bundeshaushalt 2027 die Mittel für die Mittelstandsforschung zu kürzen. Damit drohe der Stillstand bei neuen Forschungsprojekten...

Digitalisierung DVS Fördermittel Forschung Industrielle Gemeinschaftsforschung Innovationskraft Mittelstand Mittelstandsforschung Wettbewerbsfähigkeit Zukunftstechnologien
Mehr erfahren
Jan Birkemeyer, Präsident Deutscher Stahlbau-Verband
08.10.2026

Deutscher Stahlbautag 2026 – Impulse für die Zukunft

Der Deutsche Stahlbautag brachte am 17. und 18. September 2026 in Bielefeld Fachleute aus Stahlbau, Planung, Wissenschaft und Wirtschaft zusammen. Zwei Tage lang standen...

Digitalisierung Forschung Mittelstand Nachhaltigkeit Stahl Stahlbau Stahlbautag Transformation Wirtschaftstsandort Deutschland Wissenschaft
Mehr erfahren