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29.03.2026

Kunststoff bleibt zentraler Werkstoff für automobile Zukunft

PIAE (Plastics in Automotive Engineering), der seit über 40 Jahren etablierte Kongress für kunststofftechnische Anwendungen im Automobil, fand am 18. und 19. März 2026 erstmals in Baden-Baden statt. Dort diskutierte die internationale Kunststoff-Community zwei Tage lang über aktuelle Herausforderungen und technologische Trends. Rund 550 Teilnehmende aus Wissenschaft und Forschung, von OEMs sowie aus der Zulieferindustrie nutzten die Veranstaltung zum fachlichen Austausch. 

Mit 67 Vorträgen von 105 Referierenden bot die PIAE einen Überblick über aktuelle kunststofftechnische Anwendungen im Automobilbau. Im Mittelpunkt standen Themen wie Leichtbau, Recyclingfähigkeit und neue, zum Teil KI-gestützte Fertigungsprozesse, die mit grundlegenden Veränderungen in der Branche verbunden sind. Ergänzt wurde das Programm durch vertiefende Spotlight-Sessions, unter anderem zu PU-Beschichtungen, Stoffkreisläufen, Rohstoffsicherheit und Regulatorik.

Vortrag im Auditorium. - © VDI Wissensforum
Vortrag im Auditorium. © VDI Wissensforum
„Hochwertig, markengerecht und recyclingfähig“

Im Rahmen des PIAE-Pressegesprächs skizzierte Kongressleiter Dipl.-Ing. Thomas Drescher, Volkswagen AG, die unterschiedlichen Anforderungen an kunststofftechnische Anwendungen im Automobil. Er verwies dabei auf das Spannungsfeld zwischen funktionalen, gestalterischen und recyclingrelevanten Aspekten, insbesondere vor dem Hintergrund regulatorischer Vorgaben im Bereich End-of-Life Vehicles Regulation (ELVR). „Kunststoff bleibt ein zentraler Werkstoff der Zukunft. Entscheidend ist jedoch, ihn hochwertig, markengerecht und recyclingfähig einzusetzen. Design for Recycling und Premium-Anmutung sind kein Widerspruch, sondern müssen gemeinsam gedacht werden, um ELVR-Ziele zu erreichen, ohne die Wahrnehmung und Wertigkeit des Fahrzeugs zu kompromittieren.“

Wertigkeit und Qualitätsanmutung verbessern

Wie Kunden die Wertigkeit und Qualität von Kunststoffbauteilen im Fahrzeug derzeit wahrnehmen, war Thema der Eröffnungskeynote von Alexander Bloch, Automobil-Journalist („auto motor und sport“) und VDI-Markenbotschafter. Er stellte Ergebnisse einer zuvor über seine Social-Media-Kanäle durchgeführten Umfrage vor. Den Angaben zufolge beteiligten sich rund 3.000 Personen.

Das Meinungsbild fällt überwiegend kritisch aus: 74 % der Befragten bewerten die Interieurqualität im Vergleich zu früher als schlechter. Insbesondere Hartkunststoff (53 %) und Klavierlackflächen (31 %) werden als „billig“ bezeichnet. Zugleich gaben 51 % an, dass nachhaltige Kunststoffe für sie eine wichtige oder sehr wichtige Rolle spielen.

Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass Haptik, Materialauswahl und Langlebigkeit aus Sicht vieler Kunden wichtig sind. Bloch fasste dies mit den Worten zusammen: „Kunststoff muss nicht schlecht sein – es kommt nur darauf an, was man daraus macht.“

Die 550 Teilnehmenden erlebten ein vielseitiges Vortragsprogramm - © VDI Wissensforum
Die 550 Teilnehmenden erlebten ein vielseitiges Vortragsprogramm © VDI Wissensforum
Eine Kultur der Resilienz schaffen

In seiner Keynote „Lost in Transformation“ stellte Prof. Dr. Stefan Bratzel, Gründer des Center of Automotive Management, aktuelle Markt- und Produktionstrends sowie deren Auswirkungen auf Werkstoffe und Technologien vor. Er verwies darauf, dass sich das Fahrzeug in den kommenden Jahren zunehmend zu einem zusätzlichen Lebens- und Aufenthaltsraum („Third Space“) entwickelt. KI-basierte Systeme könnten dabei beispielsweise über Gesichts- und Emotionserkennung künftig stärker auf individuelle Bedürfnisse eingehen und neue digitale Geschäftsmodelle ermöglichen.

Dr. Bratzel fordert von der Branche eine „Kultur der Resilienz“ sowie flexiblere Organisationsstrukturen, um mit den aktuellen Unsicherheiten umgehen zu können. Entscheidend für den künftigen Erfolg seien vor allem strategische Kooperationen und eine breitere technologische Aufstellung, etwa in den Bereichen Software und Batterietechnik. Zum Abschluss verwies er darauf, dass sich in Zeiten tiefgreifender Veränderungen nicht die stärksten Unternehmen durchsetzen, sondern diejenigen, die sich am schnellsten an neue Bedingungen anpassen.

Neue EU-Altfahrzeugverordnung: Werden recycelte Kunststoffe knapp?

Eine im Vorfeld der PIAE veröffentlichte Studie von BKV (Kunststoff Konzepte Verwertung)  zeigt, dass zwischen den EU-Recyclingzielen und der Rohstoffverfügbarkeit in Europa eine deutliche Lücke besteht. Besonders kritisch ist die Situation beim Werkstoff Polypropylen (PP). Um die gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen, müsste die Automobilindustrie allein rund 45 % der gesamten Marktmenge nutzen.

Vertreter von Plastics Europe Deutschland, dem Verband der Kunststofferzeuger, wiesen darauf hin, dass diese Lücke nur geschlossen werden kann, wenn die Infrastruktur für hochwertiges Recycling deutlich schneller ausgebaut wird als bisher.

zur Studie

Auch Dipl.-Ing. Tobias Epple von der Firma Borealis bezog sich im Pressegespräch auf die ambitionierten Vorgaben der EU-Verordnung. Diese sehen vor, in zukünftigen Neuwagen einen höheren Anteil an Post-Consumer-Rezyklaten (PCR) einzusetzen, teilweise aus geschlossenen Kreisläufen.

„Die inspirierenden Fachbeiträge und Exponate auf der PIAE bilden den idealen Rahmen zur Stärkung und Entwicklung von Netzwerken über die gesamte Wertschöpfungskette und fördern so die Findung innovativer Kunststofflösungen für den Serieneinsatz in der Automobilindustrie.“

Beim Pressegespräch zum Thema "Qualität als Markenzeichen" wurden auch die Vorgaben der EU-Altfahrzeugverordnung intensiv diskutiert. - © VDI Wissensforum
Beim Pressegespräch zum Thema "Qualität als Markenzeichen" wurden auch die Vorgaben der EU-Altfahrzeugverordnung intensiv diskutiert. © VDI Wissensforum
Fachausstellung und Autoschau

Neben den regulatorischen Themen befassten sich viele Fachvorträge mit neuen Anwendungen und Fertigungsverfahren für Kunststoffe im Automobilbau. Das Spektrum reichte dabei über die gesamte Wertschöpfungskette – von der Entwicklung erster Prototypen bis zur Serienfertigung. Ergänzt wurde das Programm durch eine Fachausstellung, an der 55 Unternehmen und Organisationen teilnahmen.

Die 13 ausgestellten Fahrzeuge veranschaulichten die neuen Konzepte. Darüber hinaus stellten die TecPart-Innovationspreisträger ihre prämierten Bauteile vor und gaben Einblicke in aktuelle Entwicklungen aus der Praxis. Auch der fachliche Austausch zwischen den Teilnehmenden nahm einen wichtigen Platz im Programm ein, unter anderem bei der Networking-Veranstaltung im Kurhaus Baden-Baden.

Die parallel zur PIAE stattfindende Konferenz „Hochvoltbatterien in E-Fahrzeugen“ bot zusätzliche Möglichkeiten zum fachlichen Austausch und erweiterte den Blick auf das Zusammenspiel von Werkstoff- und Batterietechnologien.

Die Fachausstellung war ein beliebter Anlaufpunkt zwischen den Vorträgen. - © VDI Wissensforum
Die Fachausstellung war ein beliebter Anlaufpunkt zwischen den Vorträgen. © VDI Wissensforum
Nächste PIAE am 17. und 18. März 2027 in Baden-Baden

Anmeldung zur Teilnahme und Programm

(Quelle: VDI Wissensforum GmbH)

Schlagworte

AutomobilbauAutomobilindustrieKIKunststoffeLeichtbauNachhaltigkeitPolypropylenRecyclingZulieferer

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