Forschung
Mit wenigen Klicks auf dem Bildschirm können physisch-virtuelle Prototypen von Bauteilen verändert werden. - © Laila Tkotz, KIT
01.09.2021

Produktentwicklung mit Extended Reality

Produktentwicklung mit Extended Reality

Forschende am KIT machen physisch-virtuelle Modelle für Ingenieure nutzbar. Das eröffnet neue Möglichkeiten für kontaktfreies standortübergreifendes Arbeiten.

Kann mein Produkt was es können soll – und werden es die Kunden kaufen? Die Antwort auf diese Frage entscheidet über Erfolg oder Misserfolg einer Markteinführung. Das Problem: Vor dem Produktstart kennen wir sie nicht. Die Lösung: Statt sofort teure Prototypen von Autos, Geräten oder Maschinenkomponenten zu bauen, können Unternehmen durch virtuelle Modelle in sehr frühen Entwicklungsphasen feststellen, ob ein neues Produkt in Anmutung und Bedienung für die Kunden attraktiv ist. Forschende des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) entwickeln dafür neue Methoden und Prozesse, die praxisnah in Entwicklung und Lehre angewendet werden.

„In der Automobilindustrie gehen nicht selten zehn Prozent des gesamten Entwicklungsbudgets in die Produktion von Prototypen“, sagt Marc Etri Leiter des XR-Lab am Institut für Produktentwicklung (IPEK) des KIT. „Da können leicht viele Millionen Euro zusammenkommen.“ Diesen Aufwand wollen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am IPEK reduzieren: mit Extended Reality (XR), also Computertechnologien, welche die physische Umgebung um virtuelle Komponenten erweitern (Augmented Reality, AR), oder diese auch gänzlich ersetzen (Virtual Reality, VR).

„XR-Technologien erleichtern es uns in allen Entwicklungsphasen – Produktprofile finden, Konzepte erstellen, präzisieren und realisieren – Produkte an Kundenwünsche und Marktanforderungen anzupassen“, erläutert Etri. „Physisch-virtuelle Prototypen können sowohl Entwicklungszeit und -kosten sparen als auch Fehlern vorbeugen, die oft erst in späteren Phasen der Entwicklung erkannt werden.“ Als Beispiel zeigt er das fotorealistische dreidimensionale Modell eines Rennrades, das sich auf einem Tablet bearbeiten lässt. „Das Design von Laufrädern, Rahmen oder Sattel kann ich mit einem Click verändern.“ Auch Feinheiten wie Farbe und Glanzgrad der Sattelstütze oder Struktur des Sitzbezuges wechseln mit wenigen Klicks auf dem Bildschirm. Die mögliche Detailschärfe des Programms zeigt Etri am Beispiel einer Armbanduhr: Sogar Fotophänomene wie Reflektion auf dem Gehäuseglas ändern sich über verschiedene Designvarianten hinweg und angepasst an die reale Raumbeleuchtung.

„Viele Ingenieurinnen und Ingenieure in der Praxis wissen gar nicht, was mit AR und VR bereits möglich ist“, konstatiert Professor Albert Albers, Leiter des IPEK. „Dabei haben es uns die Spieleentwickler längst vorgemacht“, ergänzt Etri mit Blick auf die populären bildmächtigen Blockbuster-Titel aus dem Gaming-Bereich. Oft scheitere eine zeitgemäße kundennahe Produktentwicklung noch an einem uneinheitlichen Datenmanagement in den beteiligten Abteilungen oder Partnerunternehmen und der daraus resultierenden mangelnden Durchgängigkeit, sagt Albers. „Wir können nicht mit Methoden des 20. Jahrhunderts die Lösungen des 21. Jahrhunderts entwickeln.“ Von den neuen Technologien und Methoden könne das Ingenieurwesen deutlich profitieren – natürlich auch in der aktuellen Pandemiesituation: „Denn sie machen auch ein kontaktfreies standortübergreifendes Arbeiten möglich“, so Albers weiter.

Das Extended Reality Lab in der Lehre am KIT

Deswegen kommt das XR-Lab neben Forschungsprojekten in der Grundlagenforschung und mit Unternehmen auch in der Lehre zum Einsatz: „Wir haben im vergangenen Wintersemester erstmals Virtual Reality-Aufgaben in die Maschinenkonstruktionslehre integriert“, sagt Etri. „Rund 400 Erstsemester aus den Bereichen Maschinenbau, Bio- und Chemieingenieurwesen sowie Mechatronik konnten so schon früh im Studium die Potenziale der XR-Technologien in der Produktentwicklung einschätzen lernen.“ Als digitale Natives falle den Studierenden der Umgang mit diesen Technologien leicht, glaubt Etri. „Das kann sich im künftigen Berufsleben massiv auf die Wahl ihrer präferierten Ingenieurtools auswirken.“

Im XR-Lab wird die VR-Software Cross Connected des Karlsruher Start-ups R3DT, einer Ausgründung aus dem KIT, eingesetzt.

(Quelle: Presseinformation des KIT – Karlsruher Institut für Technologie)

Schlagworte

Augmented RealityIngenieurwissenschaftenMaschinenbauProduktentwicklungPrototypenbauVirtual Reality

Verwandte Artikel

19.05.2022

Industrielle Automatisierung macht 2022 weiteren Evolutionssprung

Die Transformation in der industriellen Automatisierung ist in vollem Gange und wird 2022 einen deutlichen Sprung machen. Maschinen- und Anlagenbauer profitieren dabei un...

Anlagenbau Automatisierung Digitalisierung Maschinenbau
Mehr erfahren
DVS Group
05.05.2022

DVS-Praxisworkshop im Juni

Nach einer pandemiebedingten Pause nimmt die Nachwuchsförderung des DVS wieder Fahrt auf und startet mit einem neuen Praxisworkshop in das Frühjahr. Der erste DVS-Praxisw...

DVS Fachkräftequalifizierung Ingenieurwissenschaften MAG Schweißen MIG Schweißen Nachwuchsförderung Schweißtechnik WIG Schweißen
Mehr erfahren
04.05.2022

Studie zu „Future Skills im Maschinen- und Anlagenbau“

Der Maschinen- und Anlagenbau in Deutschland befindet sich in der digitalen Transformation. Neue Technologien verändern die Prozesse in den Unter-nehmen und die Wertschöp...

Anlagenbau Digitale Transformation Fachkräftequalifizierung Fachkräftesicherung Maschinenbau
Mehr erfahren
Die explodierenden Energie- und Rohstoffpreise setzen die Unternehmen der deutschen Galvanotechnik als Schlüsseltechnologie des Produzierenden Gewerbes unter Druck.
26.04.2022

Deutsche Galvanotechnik in der Klemme

Die seit Herbst 2021 explodierenden und durch den Krieg in der Ukraine weiter steigenden Energie- und Rohstoffpreise setzen auch die Unternehmen der deutschen Galvanotech...

Automobilbau Elektronikindustrie Elektrotechnik Galvanotechnik Luftfahrt Maschinenbau Oberflächenbehandlung Oberflächenveredelung Raumfahrt
Mehr erfahren
22.04.2022

Seminare zur Rissbildung und Gestaltung von Schweißkonstruktionen

Für viele technische Bauteile ist die Schweißkonstruktion das Mittel der Wahl, um hinreichende Robustheit und Zuverlässigkeit und mithin einen sicheren Betrieb darzustell...

Berechnung Heißrisse Kaltrisse Leichtbau Maschinenbau Rissbildung Schweißkonstruktionen Schweißtechnik Schweißverbindungen
Mehr erfahren