Wirtschaft
© stock.adobe.com/gopixa
15.06.2025

Zwei Drittel der deutschen Automobilzulieferer rechnen mit Marktbereinigung

Deutsche Automobilzulieferer befürchten existenzielle Einschnitte in ihrer Branche – das zeigt eine Erhebung der internationalen Beratungs- und Prüfungsgesellschaft Baker Tilly. Demnach erwarten 67 Prozent der befragten Führungskräfte, dass binnen zwei Jahren eine deutliche Anzahl an Wettbewerbern ihr Geschäft aufgeben werden. Die deutschen Automobilzulieferer gehen mehrheitlich davon aus, dass neue Wettbewerber aus China (65 Prozent) und Europa (55 Prozent) auf den Markt drängen. Etwa ein Drittel rechnet mit neuer Konkurrenz aus den USA (35 Prozent). „Unsere Untersuchung unterstreicht den hohen Transformationsdruck in einer geopolitisch angespannten Lage“, sagt Jannik Bayat, Automotive-Experte und Partner bei Baker Tilly. „Die deutschen Unternehmen erkennen mehrheitlich den hohen Investitionsbedarf, aber sehen zugleich den Kostendruck als größtes Risiko.“

Forderung der Automobilzulieferer: Energie- und Produktionskosten senken

Die neue Regierung stehe jetzt vor der Aufgabe, vor allem die Energie- und Produktionskosten zu senken, zeigt die Studie – dies fordern 73 Prozent der befragten Zulieferer. Erwartet werden ferner Steuererleichterungen (68 Prozent), Bürokratieabbau und schnellere Genehmigungen (62 Prozent) sowie die Förderung von Zukunftstechnologien wie Elektromobilität oder Wasserstoff (59 Prozent). Diese Maßnahmen gelten auch als zentral, um für ausgeglichenere Wettbewerbsbedingungen gegenüber China und den USA zu sorgen.

Stellenabbau und sinkende Absatzzahlen bestimmen die Branchenrealität. Doch die Untersuchung offenbart auch eine erstaunlich optimistische Selbstwahrnehmung mitten in Krisenzeiten. Befragt nach der eigenen wirtschaftlichen Lage, antworten 78 Prozent der Entscheider mit eher gut oder sehr gut. Während sich viele Unternehmen selbst als stabil einstufen, fällt das Urteil über die Branche düster aus: 79 Prozent halten die Lage der deutschen Automobilzulieferer insgesamt für schlecht. „Die Wahrnehmung klafft drastisch auseinander“, sagt Bayat. „Die Industrie scheint die Risiken zwar zu erkennen, aber diesen im eigenen Unternehmen nicht entschieden genug zu begegnen.“

Jannik Bayat, Partner bei Baker Tilly - © Baker Tilly
Jannik Bayat, Partner bei Baker Tilly © Baker Tilly
Internationaler Wettbewerb: China uneinholbar vorn?

Die Untersuchung zeigt, dass die Konkurrenzfähigkeit gegenüber dem internationalen Wettbewerb auf dem Spiel steht. So sehen sich aktuell nur sechs Prozent als Vorreiter in der globalen Zulieferindustrie. Dagegen wähnen sich 28 Prozent im internationalen Vergleich im Rückstand. 51 Prozent attestieren der Konkurrenz aus Asien einen uneinholbaren Vorsprung bei Schlüsseltechnologien.

Ein Mutmacher: 75 Prozent der Befragten halten ihr Geschäftsmodell für weitgehend unabhängig von der Transformation der Antriebstechnologie. Der Grund ist, dass die von ihnen gefertigten Bauteile sowohl in E-Autos als auch in Verbrennermodellen benötigt werden. Zudem sehen 55 Prozent der Befragten eine realistische Chance, durch Verlagerung auf andere Branchen ihre Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. 86 Prozent geben an, eine klare Vision zu besitzen, welche Zukunftstechnologien das eigene Kerngeschäft dominieren werden.

„Wir sehen, dass die Transformation an Geschwindigkeit zulegen muss“, sagt Bayat. Denn beim Ausblick auf die nächsten fünf Jahre stellen 55 Prozent der Befragten fest, dass sich das Zeitfenster für die Transformation schneller schließe als gedacht. Und doch halten lediglich 23 Prozent der Befragten das eigene Transformationstempo für zu langsam.

© stock.adobe.com/sittinan
© stock.adobe.com/sittinan
Neue Geschäftsmodelle, Kooperationen und Effizienzsteigerung zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit

Mehr Wettbewerbsfähigkeit versprechen sich die Zulieferer von neuen Geschäftsmodellen und Produkten (89 Prozent), Fachkräftesicherung und Recruiting (81 Prozent) sowie Investitionen in neue Technologien und Innovationen (81 Prozent). Auffällig ist, dass für 76 Prozent Kooperationen und Partnerschaften einen Weg bilden, um die Wettbewerbsfähigkeit des eigenen Unternehmens zu sichern. 71 Prozent sagen, dass ein Schlüssel in der Effizienzsteigerung bei Produktion und Prozessen liegt. 23 Prozent der Befragten geben auch Standortschließungen als Mittel der Wahl an, um sich wettbewerbsfähiger aufzustellen. Ebenso häufig wird das Abspalten von Geschäftsbereichen in Betracht gezogen. „Wir erleben, dass sich der Carve-out als ein stabilisierendes Element etabliert hat. Die Branche nutzt Carve-outs als aktives strategisches Instrument, um auf die vielfältigen Herausforderungen zu reagieren und sich nachhaltig und zukunftssicher aufzustellen “, sagt Bayat.

17 Prozent der Automobilzulieferer halten auch die Verlagerung von Standorten ins Ausland für wichtig und geboten. Die Studie zeigt aber auch, dass sich das Streben nach Internationalisierung in Zeiten wachsender geopolitischer Risiken verstärkt auf Europa beschränkt. Nur 36 Prozent der Zulieferer bezeichnen sich aktuell als weltweit gut aufgestellt. Der Großteil bleibt fixiert auf die bewährten Stammkunden. So sind 49 Prozent auf europäische Fahrzeughersteller (OEM) ausgerichtet. Nur die Minderheit beliefert auch chinesische (18 Prozent) und US-amerikanische (17 Prozent) Autobauer. Dabei wächst der Einfluss chinesischer Marken. Für Bayat lässt dies nur einen Schluss zu: „Wir denken weiterhin zu lokal und bestenfalls regional, während andere Zulieferer global angreifen.“

Über die Studie

Baker Tilly hat 100 Top-Entscheider der ersten und zweiten Führungsebene der deutschen Automobilzulieferindustrie zur Wettbewerbsfähigkeit sowie zum Investitions- und Transformationsbedarf am Standort Deutschland befragt. Der Untersuchungszeitraum war März und April 2025.

(Quelle: Baker Tilly)

Schlagworte

AutomobilzuliefererAutomotiveIndustrieInvestitionenStudieWettbewerbWirtschaftZulieferindustrie

Verwandte Artikel

Fabian Seus, Leiter Competence Center Arbeitsmarkt im VDMA
19.08.2026

Stellenabbau im Maschinenbau

Zwar haben sich die Aussichten im Maschinen- und Anlagenbau zuletzt leicht aufgehellt, viele Unternehmen sind jedoch weiterhin unterausgelastet. Dies hinterlässt zunehmen...

Anlagenbau Ausbildung Beschäftigung Beschäftigungsabbau Deutschland Fachkräfte Fachkräftemangel Fachkräftesicherung Maschinen- und Anlagenbau Deutschland Maschinenbau Wirschaftsstandort Deutschland Wirtschaft
Mehr erfahren
12.08.2026

Berufskleidung für gemischte Teams: Passform und Organisation entscheiden

Ein einheitlicher Auftritt allein reicht bei der Ausstattung gemischter Teams nicht aus. Unterschiedliche Körperformen, Tätigkeiten und persönliche Anforderungen müssen e...

Beton Handwerk Industrie Persönliche Schutzausrüstung PSA PTA Reinigung Reparatur
Mehr erfahren
Dipl.-Kfm. Arnd Winkelnkemper (r.) und  Dirk Sieben (l.)
12.08.2026

Führungswechsel: Arnd Winkelnkemper übernimmt die Geschäftsführung der DVS Media GmbH

Mit Wirkung zum 15. August 2026 ist Dipl.-Kfm. Arnd Winkelnkemper zum neuen Geschäftsführer der DVS Media GmbH berufen worden. Er tritt damit die Nachfolge von Dirk Siebe...

Digitale Transformation DVS e. V. DVS Group DVS Media GmbH Fachverlag Fachwissen Fachzeitschrift Geschäftsführung HOME OF WELDING Industrie Kommunikation Management Verlag
Mehr erfahren
Die OTH  Oberflächentechnik Hagen hat die  Zertifizierung EN 9100:2018 für  Luft- und Raumfahrt und  Verteidigung erreicht. Im Bild die  Geschäftsführer Katharina (Mitte)  und Udo Gensowski mit der  internen Auditorin Saniya Karadal  (li.
03.08.2026

Erfolgreiche Zertifizierung für die Luftfahrt

Die OTH Oberflächentechnik Hagen hat die Zertifizierung EN 9100:2018 für den hochsensiblen Sektor Luft- und Raumfahrt und Verteidigung erreicht. Ein echter Meilenstein fü...

DIN Eichung Industrie ISO ISO 9001 LSC Luft- und Raumfahrt Luftfahrt Norm Oberflächen Oberflächentechnik Raumfahrt TIG Verteidigung Zertifikat Zertifizierung
Mehr erfahren
02.08.2026

Jedes Gewinde zählt

Ein beschädigtes, unvollständiges oder verschmutztes Gewinde kann schnell zu Montageproblemen, Ausschussteilen oder instabilen Verbindungen führen. Besonders in der autom...

Analyse Bildverarbeitung Dokumentation Industrie MES Programmierung Schrauben Software TIG Verbindungen VT
Mehr erfahren