Automatisierung ist in der Kunststoffverarbeitung längst mehr als ein Effizienzthema. Sie muss hohe Stückzahlen ebenso abbilden wie flexible Fertigungskonzepte für Sonderteile und kleine Losgrößen. Wie sich dieser Spagat in der Praxis umsetzen lässt, zeigt der österreichische Kunststoffverarbeiter Agru, der seit rund 25 Jahren auf Robotik in der Produktion setzt.
Das 1948 im oberösterreichischen Bad Hall gegründete Unternehmen zählt heute zu den international tätigen Anbietern von Kunststofflösungen, darunter Rohrleitungssysteme und Halbzeuge für Anwendungen in der Wasser- und Gaswirtschaft, der Halbleiter- und Pharmaindustrie sowie im Flugzeug- und Schiffsbau. Das Unternehmen produziert in mehreren Werkhallen und bedient nach eigenen Angaben Kunden weltweit. Ein zentrales Thema in der Fertigung ist seit vielen Jahren die Automatisierung.
Während sich Serienfertigung vergleichsweise gut automatisieren lässt, liegt die größere Herausforderung häufig in variantenreichen Anwendungen. Andreas Zemsauer, Production Manager E-Fittings bei Agru, beschreibt den Anspruch so: „Kern unserer Unternehmensphilosophie ist es, Kundenbedürfnisse individuell zu bedienen. Unser neuestes Werk ist etwa komplett auf Sonderteile und Losgröße 1 ausgelegt. Eine zentrale Herausforderung der letzten Jahre und für die Zukunft ist für uns dabei immer: Wie automatisieren wir kleine Stückzahlen sinnvoll?“ Gerade diese Verbindung aus Standardisierung und Flexibilität prägt den Automatisierungsansatz im Unternehmen. Robotik wird nicht nur dort eingesetzt, wo hohe Stückzahlen gefragt sind, sondern auch dort, wo Prozesse stabilisiert, Abläufe abgesichert und trotz wachsender Variantenvielfalt wirtschaftliche Lösungen geschaffen werden müssen.
Langlebigkeit als Leitmotiv
Kontinuität spielt bei Agru nicht nur bei den Produkten, sondern auch in der Organisation und in der Produktion eine wichtige Rolle. Viele Mitarbeiter sind seit Jahrzehnten im Unternehmen, teils arbeiten mehrere Generationen einer Familie im Betrieb. Auch Andreas Zemsauer selbst ist seit über 20 Jahren dabei. „Ich habe meine Ausbildung Lehre mit Matura (KTLA) bei AGRU absolviert. Und bis heute steht Agru für mich für Weitblick, starke Zusammenarbeit und einen Fokus auf bestmögliche Qualität.“
Diese Langlebigkeit zeigt sich auch beim Anlagenbestand. Seit 2001 ist nach Unternehmensangaben ein Kawasaki Robotics ZX300S ununterbrochen in der Kunststoffproduktion im Einsatz und hat inzwischen mehr als 117.000 Betriebsstunden erreicht. Seither kamen kontinuierlich weitere Anlagen hinzu. Aktuell sind 67 Roboter im Einsatz.
Dabei werden verschiedene Robotergenerationen und -serien für unterschiedliche Aufgaben verwendet. Dazu zählen Modelle für schwere Traglasten ebenso wie Systeme für das Handling größerer Werkstücke. Aus Sicht des Anwenders sind dabei vor allem Robustheit, Verfügbarkeit und der zuverlässige Dauerbetrieb entscheidend.
Know-how und Support in der laufenden Automatisierung
Nach eigenen Angaben arbeite Agru seit 2023 eng mit dem österreichischen Kawasaki-Partner More Robots zusammen. Die Zusammenarbeit umfasst Planung, technischen Support und die Weiterentwicklung bestehender Automatisierungslösungen. Zemsauer sagt dazu: „Das More Robots Team bringt mehr als 20 Jahre Robotics Know-how mit und unterstützt uns nicht nur bei der Planung, sondern auch mit schnellem und zuverlässigem technischem Support. Gemeinsam machen wir seit zwei Jahren große Schritte in unserer laufenden Automatisierung.“
Die Anforderungen in der Praxis sind dabei vielschichtig. Einige Prozesse erfordern eine präzise Auslegung und zahlreiche Tests, insbesondere dann, wenn der Spritzguss durch lange Auskühlzeiten getaktet wird. Bei dickwandigen Teilen ist der Zeitfaktor entsprechend begrenzend. Neue technische Lösungsansätze im Spritzguss erhöhen zugleich die Anforderungen an die Automatisierung, weil auch die Zellen selbst schneller werden und der Output weiter gesteigert werden soll.
Hinzu kommen große Formteile, die entsprechend große Bearbeitungsräume erfordern. In solchen Anwendungen geht es nicht allein um die Traglast, sondern ebenfalls um die Balance zwischen Geschwindigkeit, Zykluszeit und Stabilität. Alexander Müller, Geschäftsführer von More Robots, betont in diesem Zusammenhang: „Agru setzt seit 70 Jahren erfolgreich auf das Know-how und die Erfahrung seiner Mitarbeiter. Die Expertise von Kawasaki Robotics und More Robots hat sich besonders bei fordernden Automatisierungsprojekten als optimale Ergänzung erwiesen. Unsere räumliche Nähe und unser lokaler Support helfen dabei natürlich sehr und erlauben uns, schnell und flexibel vor Ort zu unterstützen.“
Wartung und Ersatzteilstrategie gegen Ausfallzeiten
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Verfügbarkeit der Anlagen. Viele der eingesetzten Roboter sind seit Jahren, teils seit Jahrzehnten, in Betrieb. Entsprechend wichtig sind Wartung, Ersatzteilverfügbarkeit und eine vorausschauende Instandhaltungsstrategie. Agru hat nach eigenen Angaben gemeinsam mit More Robots und Kawasaki Robotics EMEA für einzelne Anlagen definiert, welche Ersatzteile lokal vorgehalten werden sollen.
Das Ziel ist klar: bestehende Systeme möglichst lange produktiv zu betreiben. Erreicht wird dieser Ansatz durch regelmäßige Wartungen in zyklischen Intervallen sowie durch Schulungen von Mitarbeitern, unter anderem in Programmierung und Instandhaltung. Die Wartungsstrategie ist damit kein nachgelagerter Servicebaustein, sondern fester Bestandteil des Produktionskonzepts.
Internationale Märkte und begrenzter Platz in den Werken
Nach Unternehmensangaben wird ein großer Teil des Umsatzes im Export erwirtschaftet. Agru beliefert insbesondere Kunden aus der Infrastruktur, etwa im Bereich Trinkwassersysteme, daneben aber auch Anwendungen mit hohen Anforderungen an Materialbeständigkeit und Hygiene. Für die Halbleiter- und Pharmaindustrie wurde mit PURAD ein spezielles Rohrsystem entwickelt. Ein eigener Reinraum unterstützt die Weiterentwicklung entsprechender Lösungen.
Mit den Anforderungen der Märkte wachsen zugleich die Anforderungen an die Produktionsplanung. Trotz optimaler Flächennutzung und Erweiterungen bleibt der Platz für Anlagen begrenzt. Auch daraus ergeben sich Anforderungen an die Robotik. Andreas Zemsauer sagt: „Unsere Werke stoßen räumlich immer wieder an ihre Grenzen. Schon 2001 war der kleine Fußabdruck und der damit geringe Platzbedarf der Kawasaki Roboter für uns ein großer Vorteil. Die neueren Kawasaki Modelle machen dies sogar noch besser und nehmen wenig Fläche ein. Das gibt uns in Kombination mit den flexiblen Arbeitsbereichen der Roboter immer wieder deutlich mehr Spielraum.“ Gerade in bestehenden Werksstrukturen ist dieser Punkt relevant. Wo Flächen begrenzt sind, entscheidet nicht nur die Leistung einer Anlage, sondern auch deren Integrationsfähigkeit in vorhandene Layouts.
Ausbildung: früher Zugang zur Robotik
Robotik spielt inzwischen nicht mehr nur in der Fertigung, sondern auch in der Ausbildung eine Rolle. Seit 2015 verfügt Agru über eine eigene Lehrwerkstätte, in der Auszubildende praxisnah arbeiten. Seit September 2025 kommt dort zusätzlich der Trainingsroboter Astorino zum Einsatz. Der speziell für Lehre konzipierte Roboter besteht aus 3D-gedruckten Komponenten und ermöglicht es, Roboterprogrammierung intuitiv und authentisch zu lernen.
Für Michael Binder, Leiter der Lehrwerkstätte, steht dabei vor allem die frühe Vermittlung praktischer Kompetenzen im Vordergrund: „Wie kürzen wir Anlernphasen ab und steigern gleichzeitig die Lernkurve? Und wie lösen wir Berührungsängste für Auszubildende und Mitarbeiter? Astorino erfüllt genau diese Ziele und begeistert die Auszubildenden.“
Entscheidend ist aus seiner Sicht, dass die Ausbildung nicht losgelöst von der Praxis stattfindet. „Die Auszubildenden können das Teach Pendant in die Hand nehmen und echtes Programmieren lernen – der Schritt zum Industrieroboter ist dann kein großer mehr“, so Binder. Der Einsatz des Lehrroboters fügt sich damit in ein Ausbildungskonzept ein, das bewusst auf Praxisnähe und einen frühen Zugang zu Automatisierungstechnik setzt.
Fazit
Der Anwenderbericht zeigt, dass Automatisierung in der Kunststoffverarbeitung langfristig gedacht werden muss. Entscheidend sind nicht nur Taktzeit und Output, sondern auch Wartbarkeit, Ersatzteilstrategie, Flächeneffizienz und Qualifizierung. Bei Agru ist Robotik damit kein isoliertes Einzelprojekt, sondern Teil einer über Jahre gewachsenen Produktionsstrategie. Die Verbindung aus langlebigen Anlagen, schrittweiser Weiterentwicklung und dem Anspruch, auch kleinere Losgrößen sinnvoll zu automatisieren, macht den Praxisansatz besonders interessant.
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