Forschung
© Fraunhofer IPA/Foto: Rainer Bez
13.04.2025

Beschleunigter Produktentstehungsprozess durch speziellen Laser

Fachleute für 3D-Druck vom Fraunhofer IPA erforschen, wie das selektive Laserstrahlsintern genutzt werden kann, um Kunststoffbauteile effizient und in hoher Qualität herzustellen. Damit soll der Produktentstehungsprozess in der Automobilindustrie deutlich schneller und zu geringeren Kosten ablaufen.

Auf dem Forschungscampus Arena2036 in Stuttgart hat ein Team um Patrick Springer vom Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA kürzlich einen neuen 3D-Drucker in Betrieb genommen. Auf den ersten Blick unterscheidet sich die Anlage nicht groß von vergleichbaren Modellen. Durch zwei kleine Fenster ist zu sehen, wie ein Laserstrahl flächig aufgebrachtes Kunststoffpulver an genau festgelegten Stellen verfestigt. Der Vorgang wiederholt sich Schicht für Schicht, bis das gewünschte Bauteil fertig ist. Selektives Laserstrahlsintern nennt sich dieser 3D-Druckprozess.

Dreifach modifizierter 3D-Druckprozess

Auf den zweiten Blick wird klar, wodurch sich der neue 3D-Drucker von anderen unterscheidet. Da ist zunächst der Faserlaser, der das Kunststoffpulver aufschmilzt: „Er besitzt eine höhere Leistung und kann stärker fokussiert werden als die aktuell eingesetzten CO2-Laser“, erklärt Springer, der am Fraunhofer IPA das Forschungsteam Additive Prozesse für Thermoplaste leitet. „So kann die Anlage Bauteile mit exakten Abmessungen herstellen und das in kurzer Zeit.“

Dann ist da das Kunststoffpulver: „Wir verwenden ein Polypropylen-Pulver, das mit kleinen Glaspartikeln versetzt ist und dem fertigen Kunststoffbauteil mehr Steifigkeit verleiht. Es ist ein Material, das bislang noch nicht kommerziell erhältlich ist. Wir müssen den Druckprozess nun schrittweise so an das neue Material und seine Eigenschaften anpassen, damit er zuverlässig läuft und die gewünschten Geometrien produziert“, sagt Springer.

Und schließlich ist da noch der Sensor: „Er soll es uns erlauben, den Druckprozess quasi live zu beobachten“, erläutert Springer. „Er erfasst die Signale, die reflektiert werden, wenn der Laserstrahl auf das Pulver mit den Glaspartikeln trifft. Daraus können wir hoffentlich ableiten, ob der Prozess korrekt abläuft oder Fehler auftreten. Wir arbeiten hier eng mit dem Sensorhersteller und der Universität Stuttgart zusammen.“

 

Mit dem neuen 3D-Drucker in der Arena2036 fertigt Mark Becker zunächst einfache Testbauteile und wagt sich dann an das nächst-komplexere Bauteil heran. Mit der Zeit findet er so die optimalen Prozessparameter – und trainiert nebenher das KI-Modell. - © Fraunhofer IPA/Foto: Rainer Bez
Mit dem neuen 3D-Drucker in der Arena2036 fertigt Mark Becker zunächst einfache Testbauteile und wagt sich dann an das nächst-komplexere Bauteil heran. Mit der Zeit findet er so die optimalen Prozessparameter – und trainiert nebenher das KI-Modell. © Fraunhofer IPA/Foto: Rainer Bez
In wenigen Monaten bis zum fertig entwickelten Bauteil

Der Faserlaser, das mit Glaspartikeln versetzte Polypropylen-Pulver und der Sensor – dieser Versuchsaufbau soll dazu beitragen, den Produktentstehungsprozess in der Automobilindustrie zu verkürzen und dessen Kosten zu senken. Bisher fertigt die Branche nur Musterbauteile und Prototypen additiv, also mit 3D-Druckern. Funktionale Kunststoffbauteile aus Polypropylen für Vorserienfahrzeuge werden hingegen im Spritzgussverfahren hergestellt, weil es bisher keine Alternative gibt, Bauteile in der gewünschten Qualität herzustellen.

Doch für alles, was mit Spritzguss produziert werden soll, müssen kostspielige Spezialwerkzeuge von Zulieferern beschafft werden. Bis die ersten Bauteile produziert und getestet worden sind, vergehen schnell drei bis sechs Monate. „Mit der Additiven Fertigung könnte es nur noch zwei bis drei Wochen dauern, bis die Bauteile verfügbar sind“, gibt Springer zu bedenken. „Die Entwickler können die eingesparte Zeit nutzen, um das Bauteil entweder weiter zu optimieren, oder es schneller auf den Markt zu bringen. Und für die Serie wird dann in größeren Stückzahlen wirtschaftlich mit einem Werkzeug produziert.“

Bauteile aus dem 3D-Drucker in Spritzguss-Qualität

Bis das möglich ist, wird allerdings noch mehr als ein Jahr verstreichen. Mark Becker, einer von Springers Kollegen, tastet sich derzeit an die optimalen Prozessparameter heran. Er beginnt mit einfachen Bauteilen, fertigt sie immer genauer und hochwertiger, bis sie die notwendige Qualität erreicht haben. Dann wagt er sich an das nächst-komplexere Bauteil heran. Dafür nutzt er den neuen industriellen 3D-Drucker in der Arena2036, der einen vergleichsweise großen Bauraum besitzt und mit zwei Faserlasern ausgestattet ist. „Deshalb kann die Maschine auch große Teile in kurzer Zeit bauen. Die Entwicklung von geeigneten Prozessparametern zur Verarbeitung neuer Kunststoffe ist dafür besonders wichtig“, sagt Becker.

Parallel erprobt Becker zusammen mit den Projektpartnern, wie der Sensor zur Überwachung des Laserstrahlprozesses eingesetzt werden kann. Mit den Daten, die der Sensor erhebt, und den Maschinendaten, die der 3D-Drucker standardmäßig erfasst, soll ein KI-Modell trainiert werden. Je mehr Kunststoffbauteile Becker also fertigt, desto besser versteht die Künstliche Intelligenz, welches die optimalen Prozessparameter sind und wie sich Abweichungen auf die Produktqualität auswirken.

Digitalisierte Prozesskette für additiv gefertigte Kunststoffbauteile

Das alles geschieht im Rahmen des Forschungsprojekts DigiAutoFab, das bereits im Spätsommer 2023 angelaufen ist und noch bis 30. Juni 2026 läuft. Ziel ist eine vollständig digitalisierte Prozesskette für additiv gefertigte Kunststoffbauteile – von der Konstruktion über die Fertigungsvorbereitung und die Fertigung selbst, bis hin zu den nachgelagerten Prozessen. So soll nicht nur der Produktentstehungsprozess verkürzt werden. Künftig sollen mit dem Lasersintern auch Ersatzteile und Varianten von Großserienfahrzeugen bedarfsgerecht produziert werden. Die Ergebnisse aus dem Projekt sollen aber nicht nur der Automobilindustrie zugutekommen, sondern auch auf andere Branchen übertragbar sein.

(Quelle: Pressemeldung Fraunhofer IPA)

Schlagworte

3D-DruckAutomobilindustrieFaserlaserKunststoffLaserstrahlsintern

Verwandte Artikel

DVS Group
28.09.2026

Finalist für das IGF-Projekt des Jahres 2026

Das Projekt „NbC-basierte Hartmetallzusammensetzungen als strategischer Werkstoffersatz für WC-Co in der Oberflächentechnik“ der Forschungsvereinigung Schweißen und verwa...

Automobilindustrie Beschichtungen Bremsscheiben Forschungsvereinigung IGF Industrielle Gemeinschaftsforschung KMU Kritische Rohstoffe Niobcarbid Oberflächentechnik Thermal Spray Bulletin TSB Verschleißschutz
Mehr erfahren
Mikrowellen-Radarsensor bei der Messung der Aushärtung eines Klebstoffes
25.09.2026

Startschuss für das Projekt „KlimRa“

Wie lässt sich die Aushärtung von Kleb- und Dichtstoffen schnell, zuverlässig und zerstörungsfrei überwachen? Dieser Frage widmet sich das neue Forschungsprojekt „KlimRa“...

Aushärtung Bauteile Dichtstoffe Forschung Fügen von Kunststoffen Joining Plastics JP Klebstoffe Kunststoff Mikrowellen Sensorik Verbundmaterialien Zerstörungsfrei
Mehr erfahren
Das Berliner Architekturbüro Barkow Leibinger entwarf die neue Frankreichzentrale, die in Holz-Betonbauweise errichtet wurde.
24.09.2026

Eröffnung der neuen Frankreichzentrale

Trumpf hat seinen neuen französischen Hauptsitz eröffnet. Er liegt in Villepinte, rund zwanzig Kilometer nordöstlich von Paris. Das Unternehmen investierte 16,1 Millionen...

Automobilindustrie Blechbearbeitung Bohren Halbleiterindustrie Lasertechnik Luft- und Raumfahrt Schneiden Schweißen Werkzeugmaschinen
Mehr erfahren
19.09.2026

Prozess- und Schutzmaterialien für Elektronik- und Industrieanwendungen

Stannol erweitert sein Produktportfolio und ist ab sofort Distributor von Roartis. Das belgische Unternehmen entwickelt und produziert Prozess- und Schutzmaterialien für...

Automobilindustrie Elektronik Elektronische Baugruppen Fertigungsprozesse Halbleiterindustrie Leitfähige Klebstoffe Luft- und Raumfahrt Medizintechnik Schutzmaterialien
Mehr erfahren
Die Fronius Additive Cell ist ein perfekt abgestimmtes Gesamtsystem für die additive Fertigung.
14.09.2026

Neue Schweißzelle vereint Additive Fertigung, Software und Automatisierung

Ob Ersatzteil, Prototyp oder komplexes Einzelstück: Directed Energy Deposition-Arc gewinnt in der Industrie zunehmend an Bedeutung. Fronius vereint mit der neuen Additive...

Abschmelzleistung Additive Fertigung Automobilindustrie Cold Metal Transfer DED-Arc Druckbehälterbau Fertigung Luft- und Raumfahrt Schweißen Schweißroboter Schweißzelle Wärmeeinbringung
Mehr erfahren