Trendthema Technologien
Blick in einen Elektrolyseur auf dem Gelände des ZBT Duisburg - © ZBT, Nadine van der Schoot
19.11.2025

CO2 aus der Atmosphäre waschen und nutzen

Am 20. November 2025 hat der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Hendrik Wüst, die neue CO2-Abscheidungsanlage von Greenlyte offiziell eröffnet und eine Begrüßungsrede gehalten. Die innovative Anlage filtert CO2 aus der Luft und liefert als Nebenprodukt grünen Wasserstoff. Das Unternehmen hat sich erfolgreich am Förderwettbewerb Produktives.NRW der Landesregierung beteiligt und erhält EU-Fördermittel in Millionenhöhe für den Bau neuer Produktionsanlagen.

Die Vermeidung von CO2-Emissionen ist ein globales Ziel im Kampf gegen den Klimawandel. Um dies zu erreichen, werden E-Mobilität, Wasserstoffbrennstoffzellen und viele weitere Technologien eingesetzt. Es gibt jedoch noch zahlreiche industrielle Prozesse, bei denen eine vollständige Umstellung auf erneuerbaren Strom oder Wasserstoff schwierig ist – und nicht vollständig vermieden werden kann. Eine Idee, die Abhilfe verspricht, ist Direct Air Capture (DAC).

Das Unternehmen wurde 2022 als Spin-off der Universität Duisburg-Essen gegründet. Der zugrunde liegende Prozess hat auch Investoren überzeugt. „[...] Wir haben hier in Essen eine Demonstrationsanlage mit einer Absorptionskapazität von 100 Tonnen CO2 pro Jahr in Betrieb genommen – das entspricht dem jährlichen Wachstum von 10.000 Bäumen. Nun führen wir alle Prozessschritte von der CO2-Abscheidung bis zur Bereitstellung für die industrielle Nutzung in einem voll automatisierten Prototyp zusammen“, sagt Martin Schmickler, Chief of Staff bei Greenlyte Carbon Technologies.

Martin Schmickler (Greenlyte Carbon Technologies GmbH) vor einer Konstruktionszeichnung der DAC-Anlage - © Greenlyte Carbon Technologies GmbH
Martin Schmickler (Greenlyte Carbon Technologies GmbH) vor einer Konstruktionszeichnung der DAC-Anlage © Greenlyte Carbon Technologies GmbH

Aus ökologischer Sicht stehen nach wie vor natürliche Methoden zur Bindung von CO2 aus der Atmosphäre im Vordergrund, wie beispielsweise die Wiedervernässung von Mooren oder das Anlegen von Wäldern. Dennoch kann die DAC-Technologie diese sinnvoll ergänzen. Greenlyte ist nicht allein auf diesem Gebiet: Schmickler schätzt, dass die globale DAC-Gemeinschaft aus rund 100 Unternehmen besteht, die sehr unterschiedliche Technologien verfolgen – einige davon befinden sich noch in der Ideenphase, andere bereits in der Großanwendung. Das Besondere am Ansatz von Greenlyte ist nicht die Idee selbst, sondern ihre optimale Umsetzung. „Wir sind auf lange Sicht mehr als doppelt so effizient wie die gängigen Verfahren auf dem Mark“, sagt der Wirtschaftsingenieur, „und dafür gibt es drei Gründe: Unser Verfahren erfordert keine hohen Temperaturen, es ist entkoppelbar und es entsteht Wasserstoff als Nebenprodukt.“

Patentiertes Verfahren – vielversprechende Technologie

Der gesamte DAC-Prozess umfasst zwei grundlegende Abschnitte: Absorption und Desorption. Während der Absorption wird CO2 aus der Luft durch eine spezielle Substanz, ein sogenanntes Absorbens, gebunden. Bei der Desorption wird das CO2 wieder vom Absorbens getrennt, um entweder als Rohstoff verwendet oder dauerhaft in der Erde gespeichert zu werden. Das DAC-Verfahren von Greenlyte basiert auf einem flüssigen Absorbens und entspricht dem aktuellen Stand der Technik. „Der Prozess ist patentiert, dahinter stehen 15 Jahre Forschung. Technologisch sehe ich in unserem Verfahren den vielversprechendsten Lösungsansatz, um die Kosten der CO2-Absorption drastisch zu senken – und die sind entscheidend für die industrielle Umsetzung.“

Um CO2 aus der Luft zu extrahieren, muss es mit dem Absorbens in Kontakt gebracht werden. Greenlyte erreicht dies bei Umgebungstemperatur in einem sogenannten Gaswäscher – einer Art Turm, in dem das flüssige Absorbens durch eine spezielle Struktur nach unten fließt. Die Konstruktion dieser Struktur, in der Fachsprache als Packung bezeichnet, ist entscheidend für eine maximale Verteilung und Oberfläche. Denn an dieser Oberfläche reagiert das Absorbens mit dem CO2 aus der Luft, das kontinuierlich im Gegenstrom durch den Gaswäscher nach oben geblasen wird. Dabei bilden sich Kristalle aus Kaliumhydrogencarbonat – ein Salz, das in Mineralwasser vorkommt und als Backtriebmittel für Lebkuchen verwendet wird. Diese Verbindung enthält chemisch gebundenes CO2.

 

Der turmförmige Gaswäscher der Greenlyte-Anlage - © ZBT, Nadine van der Schoot
Der turmförmige Gaswäscher der Greenlyte-Anlage © ZBT, Nadine van der Schoot
Vorteil durch erneuerbare Energien und Wasserstoff

Die Absorption nach diesem Prinzip erfordert wenig Energie; im Wesentlichen muss nur Luft durch den Gaswäscher geblasen und das Absorbens gepumpt werden – genug, um rund um die Uhr CO2 aus der Atmosphäre zu „waschen”. Die Desorption hingegen erfolgt bei Greenlyte per Elektrolyse und erfordert vergleichsweise mehr Strom. Hier erweist sich eine weitere Eigenschaft des Hydrogencarbonats als vorteilhaft: Es ist lagerfähig. Dadurch lässt sich der Prozess entkoppeln, sodass die Elektrolyse nur dann durchgeführt werden kann, wenn ausreichend grüner Strom zur Verfügung steht, beispielsweise aus Wind- oder Sonnenenergie.

Ein weiterer, möglicherweise entscheidender Vorteil betrifft einen sehr begehrten Energieträger: Wasserstoff. Grüner Wasserstoff wird verwendet, um energieintensive Prozesse wie die Stahlproduktion klimaneutral zu gestalten. Eine gute Möglichkeit zur Herstellung von grünem Wasserstoff ist die Elektrolyse aus Wasser mittels erneuerbarer Energien. Durch Zugabe von Hydrogencarbonat zum Wasser entsteht neben grünem Wasserstoff auch CO2, ein Effekt, den Greenlyte nutzt. Die CO2-Desorption erfolgt quasi „im Schlepptau“, während gleichzeitig Wasserstoff erzeugt wird. „Grüner Wasserstoff ist ein stark nachgefragtes Gut, das weiterverkauft und in Kombination mit dem desorbierten CO2 auch dazu verwendet werden kann, E-Fuels und andere Kohlenwasserstoffe zu produzieren. Bei uns entsteht er als Beiprodukt, das macht unserer Verfahren besonders wirtschaftlich“, sagt Schmickler.

Aufbau der Direct Air Capture Pilotanlage - © Greenlyte Carbon Technologies GmbH
Aufbau der Direct Air Capture Pilotanlage © Greenlyte Carbon Technologies GmbH
Aus NRW in die Welt – Geschäftsmodell und Möglichkeiten

Anlagen unterschiedlicher Größe sind für den weltweiten Einsatz geplant. Schmickler sieht auch ein potenzielles Geschäftsmodell für zahlreiche spezialisierte Unternehmen im Ruhrgebiet: „Wir glauben, dass DAC-Technologien, die auf German Engineering basieren, der nächste Exportschlager werden können. Gerade hier in NRW gibt es schon sehr viele Unternehmen mit dem entsprechenden Know-how.“ Schmickler sieht traditionelle Industrie- und Anlagenbauunternehmen nicht als Konkurrenten, sondern als neue Geschäftsmöglichkeiten. „Um die internationalen Klimaziele zu erreichen, müssen auch bei ambitioniertem Klimaschutz Emissionen aus der Atmosphäre entfernt werden. Rund 10 Gigatonnen jährlich werden das 2050 sein, sagen die Prognosen. Da ist genug zu tun für die DAC-Community.“

(Quelle: Greenlyte Carbon Technologies GmbH)

Schlagworte

AbscheidungsanlageAtmosphäreBrennstoffzellenCO2E-MobilitätEmissionenErneuerbare EnergienNordrhein-WestfalenNRWWasserstoff

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