Wirtschaft
© pixabay.com/Thomas
12.09.2022

Energiepreise werfen Automobil-Zulieferer aus der Spur

Keine Zeit für Hinhaltetaktik: Energiepreise werfen Automobil-Zulieferer aus der Spur

Explodierende Energiekosten und mangelnde Kundenkooperation werfen Autozulieferer gerade komplett aus der Spur. Und das aktuelle Entlastungspaket wird es nicht schaffen, Unternehmen wieder auf eine sichere Route zu lenken.

„Wir erleben bei unseren meist mittelständischen Mitgliedsunternehmen maximale Unsicherheit. Ohne staatlichen Deckel, ein breiteres Stromangebot und unternehmensorientierte Maßnahmen werden die Energiekosten in Deutschland zum maßgeblichen Standortnachteil. Gleichzeitig brauchen die Mittelständler sofortige Unterstützung durch ihre Kunden“, unterstreichen sieben Verbände in einer gemeinsamen Presseerklärung. Sie kommt von den Industrieverbänden Blechumformung (IBU), Massivumformung (IMU) und Härtetechnik (IHT), den Fachverbänden Pulvermetallurgie (FPM) und Metallwaren- und verwandte Industrien (FMI) sowie dem Verband der Deutschen Federnindustrie (VDFI) und dem Deutschen Schraubenverband (DSV).

„Es ist fünf vor zwölf“ – Energie ist die Grundlage für industrielle Produktion

Ausgangspunkt sind wahnwitzige Energiekosten: Strompreissteigerungen um das 15-Fache des Vorjahres und 1.000-prozentige Gaspreisanstiege katapultieren Zulieferer in ausweglose Lagen. „Es ist fünf vor zwölf“, warnt IBU-Geschäftsführer Bernhard Jacobs. „Wenn der Staat die Energiepreise jetzt nicht deckelt, ruiniert er in kürzester Zeit die Unternehmen und viele Tausende Arbeitsplätze.“ Tobias Hain, IMU-Geschäftsführer, ergänzt: „Wir fordern zur Preisberuhigung eine breit aufgestellte Stromproduktion. Und den Fall der überkommenen Strompreisbildung, des sogenannten Merit-Order-Prinzips. Der Staat muss alle denkbaren Maßnahmen und Regelungen ergreifen und dabei deren langfristige Auswirkungen bedenken.“

Kooperative Geschäftsmodelle haben Zukunft

Mittelständische Unternehmen brauchen jetzt Tempo und dazu die Kooperationsbereitschaft ihrer Kunden. Geschäftsmodelle, die das alleinige Beschaffungsrisiko beim Zulieferer sehen, haben sich überlebt. „Erfolgreiche Automobilisten denken die Zukunft ihrer Zulieferer bereits mit“, weiß FMI-Geschäftsführer Werner Liebmann. „Natürlich verhandelt jedes Zulieferunternehmen selbst mit seinen Kunden. Die Branche wird aber nicht länger der Puffer sein können, der unternehmerische Risiken von Kunden fernhält“, unterstreicht DSV-Geschäftsführer Hans Führlbeck. Konkret bedeutet das: Zahlungsziele, Savings-Rituale und die Verbindlichkeit von Bestelldaten brauchen eine Anpassung an aktuelle Marktverhältnisse.

Transparenz und Konsequenz gefragt

Transparenz und Konsequenz sind für Dirk Hölscheid, Geschäftsführer der Verbände FPM und IHT, Schlüssel zur Problemlösung. Er sieht keine Zeit mehr „zum Taktieren und Auf-Zeit-Spielen. Zulieferer, die ihre Kosten offen und nachvollziehbar darlegen, haben das Recht, von Kunden Fairness, Akzeptanz und schnelles Handeln einzufordern.“

Zulieferer denken über Ausstieg nach – erkennen Autobauer die Gefahr?

Noch erklären liquide Automobilhersteller die Themen Energie- und Logistikkosten zum alleinigen Lieferantenproblem. Sie spielen auf Zeit und bemühen den Begriff „Painsharing“. Ihre Strategie könnte allerdings scheitern: Erste Zulieferer denken über ihren Ausstieg aus der automobilen Lieferkette nach. Bernhard Jacobs (IBU): „Sie suchen nach neuen Geschäftsfeldern und kooperativen Kunden. Weil sie keine Lust mehr auf die alten Verhandlungsrituale haben.“ „Werden ihre Kunden – Automobilhersteller und Systemlieferanten – die daraus folgende Gefahr rechtzeitig erkennen? Oder den Bogen überspannen?“, fragt sich Tobias Hain (IMU). Letzteres würde die Automobilproduktion empfindlich ausbremsen. Bleibt zu hoffen, dass die Autobauer rechtzeitig die Kurve bekommen. Und die Politiker ihre Entscheidungen beschleunigen.

(Quelle: Pressenformation des IBU – Industrieverband Blechumformung)

Schlagworte

ArbeitsmarktAutomobilbauBlechumformungEnergiepreiseHärtetechnikIndustrielle ProduktionMassivumformungMetallwarenPulvermetallurgieZulieferindustrie

Verwandte Artikel

Ines Rimmele berät als Migrationsbeauftragte der Handwerkskammer Konstanz Betriebe in Rechtsfragen rund um die Anstellung von Fachkräften.
09.09.2026

Das müssen Betriebe bei der Fachkräftesuche im Ausland beachten

Ines Rimmele, Migrationsbeauftragte bei der Handwerkskammer Konstanz, gibt Tipps für die Anstellung von ausländischen Fachkräften. Darüber hinaus bietet die Handwerkskamm...

Arbeitsmarkt Ausland Bundesregierung Fachkräfte Fachkräftegewinnung Fachkräftemangel Handwerk Handwerksbetriebe Handwerkskammer Qualifizierung
Mehr erfahren
03.09.2026

Neuerscheinung Merkblatt DVS 3703

Mit Ausgabedatum September 2026 ist das Merkblatts DVS 3703 „Reduzierung der Axialkraft beim Rührreibschweißen durch Skalierung von Schulter- und Schweißstiftdurchmesser“...

Automobilbau Axialkraft Luft- und Raumfahrt Merkblatt Regelwerke Rührreibschweißen Schienenfahrzeugbau Schiffbau Schweißen
Mehr erfahren
ngelo Castrignano ist Unternehmer  und neuer Vorsitzender des  Industrieverbandes Blechumformung  (IBU). Er sieht große Chancen in  Digitalisierung, KI und der stärkeren  Automatisierung von  Produktionsprozessen.
27.08.2026

„Technologische Stärken mit wettbewerbsfähigen Standortbedingungen verbinden“

Die blechumformende Industrie steht – wie alle stahl- und metallverarbeitenden Branchen – gewaltig unter Druck. Und schaut trotzdem nach vorn. Unternehmer und neuer Vorst...

Automatisierung Blechumformung Cybersicherheit Energiepreise Normen Politik Produktionsprozess Umformung
Mehr erfahren
17.07.2026

Wirtschaftliche Lage in Deutschland im Juli 2026

Die Lage der deutschen Wirtschaft zeigt sich zur Jahresmitte leicht aufgehellt. Nachdem die Eskalation des Krieges im Nahen Osten die Konjunktur im Frühjahr über steigend...

Arbeitsmarkt Energiepreise Industrie Inflation Insolvenzen Kaufkraft Konjunktur Lieferketten Wirtschaft
Mehr erfahren
30.06.2026

Lasertechnik macht Batteriefertigung schneller und zuverlässiger

Beim LSE – Laser Symposium Electromobility am 15. und 16. September 2026 in Aachen diskutieren Fachleute aus Automobilindustrie, Zulieferindustrie, Anlagenbau und Forschu...

Anlagenbau Automobilindustrie Batteriefertigung Forschung Laserstrahl-Mikroschweißen Laserstrahlschweißen Lasertechnik Mikroschweißen Qualitätssicherung Schweißen Zulieferindustrie
Mehr erfahren