Trendthema Forschung
Im Labor von Lorch werden Daten des Schweißprozesses erhoben, um Künstliche Intelligenz zu trainieren. - © Lorch
17.01.2024

Fehler beim Schweißen: Schnell und automatisch erkannt

Fehler beim Schweißen: Schnell und automatisch erkannt

Bei Produktionsprozessen Rohmaterial und Energie einzusparen, lautet die Devise der Zeit. So auch beim Schweißen. Künstliche Intelligenz (KI) kann bei dieser Aufgabe helfen – allerdings braucht man die entsprechenden Daten, um die Systeme anzulernen. Daten, die viele Kunden nicht aus der Hand geben wollen. Föderiertes Lernen kann dieses Dilemma lösen: Für die Firma Lorch hat das Fraunhofer IPA ein entsprechendes KI-Konzept entwickelt.

Fachpersonal ist rar. Betriebe müssen daher vielfach auf unerfahrenes Personal zurückgreifen. Bedienfehler werden somit wahrscheinlicher – was den Ausschuss an fehlerhaft produzierten Produkten und damit auch den Material- und Energieverbrauch in die Höhe treibt. Zwar kann Künstliche Intelligenz solche Bedienfehler ebenso wie Fehler durch Verschleißprozesse frühzeitig erkennen und somit reduzieren. Doch sind KI-Systeme sehr datenhungrig, sie müssen schließlich erst einmal mit entsprechenden Daten trainiert werden. Hier tritt ein weiteres Problem zutage: Kunden, die beispielsweise Anlagen von einem Anlagenbauer verwenden, wollen diese Daten üblicherweise nicht herausgeben.

Föderiertes Lernen macht den Datenaustausch verzichtbar

Vor diesem Problem stand auch die Lorch Schweißtechnik GmbH – und holte daher das Fraunhofer IPA an Bord. Wie, so die Frage, lassen sich Anwenderfehler bei Schweißprozessen via KI zuverlässig erkennen, ohne dass die Kunden ihre sensiblen Schweißdaten aus der Hand geben müssen? Die Antwort des Fraunhofer IPA: Mit dem Ansatz des föderierten Lernens. „Das Besondere daran: Wir trainieren die Künstliche Intelligenz mit den Daten der Kunden, ohne dass die Daten das jeweilige Unternehmen verlassen“, sagt Can Kaymakci, Wissenschaftler am Fraunhofer IPA. Der Clou liegt darin, dass jeder Kunde mit seinen Daten ein eigenes KI-Modell trainiert – ausgetauscht werden nicht die Daten, sondern lediglich die KI-Modelle. Diese werden zu einem einzigen, besser optimierten Gesamtmodell zusammengefasst.

Zunächst einmal galt es für die Forschenden des Fraunhofer IPA, ein geeignetes KIModell zur energetischen Anomalieerkennung auszuwählen – ein Modell also, das Anwenderfehler vor allem durch Energieverbrauchsdaten erkennt. Dafür erhoben sie im Labor von Lorch Daten rund um den zu beobachtenden Schweißprozess, den absichtlichen Einbau von „Anwenderfehlern“ inklusive. Etwa 200 Schweißversuche führten sie durch. Viel, doch zu wenig, um eine Künstliche Intelligenz zu trainieren. „Wir haben die Daten daher vervielfältigt, aus den ursprünglich 200 Datensätzen wurden so 2.200“, erläutert Kaymakci. Wie das funktioniert, lässt sich am besten am Beispiel von Fotos nachvollziehen: Man kann sie drehen, spiegeln, in Schwarz-Weiß umrechnen, den Zoom verändern – und auf diese Weise mehr Daten generieren.

Zudem untersuchte das Team, wie viele Messungen pro Sekunde nötig sind, um Anwenderfehler zuverlässig zu erkennen. Das Ergebnis: Es reichen weniger Messpunkte als gedacht. „Auf diese Weise können wir die benötigte Speicherkapazität reduzieren, die Kommunikation vereinfachen und weniger Daten verarbeiten, was wiederum Zeit, Kosten und Energie spart“, fasst Kaymakci zusammen. Das erstellte Modell implementierten die Forschenden auf einer Schweißstromquelle des Unternehmens Lorch.

Im Labor von Lorch werden Daten des Schweißprozesses erhoben, um Künstliche Intelligenz zu trainieren. - © Lorch
Im Labor von Lorch werden Daten des Schweißprozesses erhoben, um Künstliche Intelligenz zu trainieren. © Lorch
Fehler werden mit hoher Rate erkannt

Welchen Vorteil bringt das föderierte Lernen? Diese Frage beantworteten die Forschenden über ein eigens dafür erstelltes Simulationstool. Dabei analysierten sie drei Szenarien: Erstens eine Künstliche Intelligenz, die mit sämtlichen Kundendaten trainiert wurde – eine hypothetische Annahme, da diese Daten für den Schweißgerätehersteller nicht verfügbar sind. Zweitens die Modelle, die jeweils nur mit den Daten eines einzigen Kunden trainiert wurden. Und drittens das föderierte Lernen, bei denen die Modelle der Kunden zusammengeführt werden. „Die Ergebnisse sprechen für sich: Die Erkennungsrate eines Modells, das über föderiertes Lernen trainiert wurde, liegt bei 0,81 und ist damit vergleichbar gut wie die eines Systems, für dessen Training alle Kundendaten zur Verfügung standen. Hier liegt die Erkennungsrate bei einem Wert von 0,86. Systeme dagegen, die nur mit den Daten eines einzigen Kunden trainiert wurden, erkennen Fehler nur mit einer Rate von 0,45“, bestätigt Kaymakci. Für den Schweißgerätehersteller Lorch heißt das: Er kann seinen Kunden in Zukunft über das KI-System einen Mehrwert bieten, ohne die Daten zentral bei Lorch speichern zu müssen. Für die Kunden wiederum bietet sich der Vorteil, Fehler schneller erkennen zu können und vom „Wissen“ aller Kunden zu profitieren.

Selbstverständlich lässt sich das föderierte Lernen nicht nur für Schweißprozesse verwenden. Vielmehr eignet sich das System für jegliche Fragestellungen, in denen Künstliche Intelligenz einen Mehrwert bietet, die dafür benötigten Daten jedoch sensibel sind.

(Quelle: Presseinformation des Fraunhofer-Institits für Produktionstechnik und Automation IPA)

Schlagworte

EnergieeffizienzFachkräftemangelFöderiertes LernenKIQualitätssicherungSchweißtechnik

Verwandte Artikel

19.06.2026

SCHWEISSEN & SCHNEIDEN präsentiert sich auf Gemeinschaftsstand der EURO DEFENCE EXPO

Vom 22. bis 25. September 2026 findet in Essen erstmals die EURO DEFENCE EXPO (EUDEX) parallel zur Security Essen statt. Auch die SCHWEISSEN & SCHNEIDEN ist mit einem Ge...

Beschichtungstechnik Defence Fahrzeugbau Fügetechnik Luft- und Raumfahrt Militär Schiffbau Schneiden Schneidtechnik Schweißen SCHWEISSEN & SCHNEIDEN Schweißtechnik Sicherheitslösungen Trenntechnik Verteidigungsindustrie
Mehr erfahren
Transparenz beim Schleifen – die CC-Grind View von Pferd Tools.
17.06.2026

Transparenz beim Schleifen

Beim Schleifen von Schweißnähten und Metalloberflächen ist die Bearbeitungsstelle häufig nur eingeschränkt sichtbar. Eine transparente Schleifscheibe soll Anwendern ermög...

Kontaktzone Metallbearbeitung Metalloberflächen Nacharbeit Prozesssicherheit Schleifbild Schleifen Schleifprozess Schleifscheibe Schweißnaht Schweißtechnik Transparenz Werkstück
Mehr erfahren
Unter dem Motto „Von Experten für Experten“ ist bei Air Liquide in Krefeld 2019 ein Kompetenzzentrum zum Schweißen und Schneidenentstanden.
Der Prakitker
16.06.2026

Zwischen Werkstofflabor und Schweißkabine

Der SchweisserCampus von Air Liquide in Krefeld versteht sich als Praxiszentrum für moderne Schweiß- und Schneidtechnik. Hier treffen Anwendungstechnik, DVS-zertifizierte...

Cobot Fertigungsprozess Fügen Fügetechnik Handlaserstrahlschweißen Laserstrahlschweißen Praxis Prozessführung Prozessparameter Prüfprobe Rauchentwicklung Schneiden Schneidtechnik Schutzgas Schweißen Schweißkabine Schweißnaht Schweißparameter Schweißrauch Schweißtechnik Schweißverbindungen Trennen Trenntechnik VR Wärmeeinbringung Werkstoffe Werkstofflabor Zusatzwerkstoffe
Mehr erfahren
08.06.2026

Global HVAC Influencers Meet in Germany for Innovation, Product Testing and International Networking

The fifth edition of the Rothenberger Influencer Days will bring together leading international HVAC, plumbing and refrigeration influencers on 11–12 June 2026 in Germany...

AM Application Applications Collaboration Development DIN EMO Europe Heating HVAC Import Industry KI PU Technologie Tools
Read more
06.06.2026

Lernen formt Zukunft – KIMW startet Branchen-Initiative

Mit einem regionalen Austauschformat startet das Kunststoff-Institut Lüdenscheid eine Branchen-Initiative, um Unternehmen gezielt bei der Einordnung relevanter Entwicklun...

Fachkräftemangel Fügen von Kunststoffen Joining Plastics JP Kunststoffbranche Kunststoffe Weiterbildung
Mehr erfahren