Beim diesjährigen WAAMathon #3 stand die industrielle Umsetzung und nicht mehr die technische Machbarkeit im Mittelpunkt der Konferenz. Die Beiträge aus Industrie und Forschung befassten sich insbesondere mit der Qualifizierung, Standardisierung und Entwicklung digitaler Prozessketten als Voraussetzungen für den weiteren Markthochlauf von DED-Arc (oft auch als WAAM – Wire Arc Additive Manufacturing bezeichnet). Organisiert wurde die Konferenz von der Berlin.Industrial.Group. (B.I.G.).
Rund 150 Fachbesucher kamen am 11. Juni 2026 zum WAAMathon #3 in Berlin zusammen, um den aktuellen Entwicklungsstand des WAAM zu erörtern. Die Beiträge machten deutlich, dass diese Technologie in verschiedenen Anwendungsfeldern bereits über die Demonstratorphase hinaus eingesetzt wird. Im Mittelpunkt standen daher Fragen der reproduzierbaren Prozessqualifizierung, der Standardisierung und der Integration in industrielle Wertschöpfungsketten.
Carl Hauser von ASTM International/Wohlers Associates nannte unterschiedliche Qualifizierungsansätze, eine begrenzte Vergleichbarkeit zwischen Anwendungen und uneinheitliche Datenstrukturen als wesentliche Hürden für die industrielle Skalierung. Carl Fruth von der FIT AG verwies zudem darauf, dass die Einführung additiver Fertigung in Unternehmen häufig weniger an technischen Grenzen als an fehlendem Vertrauen und mangelnder Akzeptanz innerhalb von Unternehmen scheitere.
Mehrere Beiträge machten deutlich, dass industrielle Reproduzierbarkeit bereits beim Ausgangsmaterial beginnt. Am Beispiel von Titan-Drähten zeigte Tipro, welchen Einfluss Materialqualität auf Prozessstabilität und Bauteileigenschaften hat.
Nicht allein die Leistungsfähigkeit einzelner Anlagen entscheidet den Referenten zufolge über den Markthochlauf, sondern die Fähigkeit, Prozesse, Materialien und Prüfkriterien nachvollziehbar und reproduzierbar zu gestalten.
Algorithmen statt Trial-and-Error
Ein weiteres zentrales Thema der Konferenz war die zunehmende Digitalisierung der Prozessentwicklung. Mehrere Beiträge zeigten, wie künstliche Intelligenz, Simulation und datenbasierte Modelle dazu beitragen können, den bislang oft aufwendigen Trial-and-Error-Ansatz bei der Prozessentwicklung zu ersetzen.
Noch vor wenigen Jahren beruhte die Entwicklung neuer WAAM-Prozesse vielfach auf Erfahrungswissen und umfangreichen Versuchsreihen. Die auf dem WAAMathon vorgestellten Ansätze verdeutlichten, wie sich diese Herangehensweise zunehmend verändert. KI gestützte Modelle, Simulationen und datenbasierte Assistenzsysteme sollen künftig helfen, Prozessparameter schneller zu bestimmen, Fehler frühzeitig vorherzusagen und die Übertragbarkeit von Prozesswissen zu verbessern.
So präsentierten 3D Components und Aibuild Ansätze, mit denen sich geeignete Prozessparameter mithilfe von KI und thermomechanischen Simulationen deutlich schneller ermitteln lassen. Siemens stellte agentische Systeme und generative KI für die automatisierte Prozessplanung vor, während Forschende der TH Brandenburg und der schwedischen University West Verfahren zur Echtzeitüberwachung des Schmelzbades präsentierten.
Die vorgestellten Lösungen verfolgen unterschiedliche Ansätze, adressieren jedoch dieselbe Herausforderung: Prozesswissen soll digital verfügbar gemacht und systematisch nutzbar werden.
WAAM verlässt die Nische
Ebenso deutlich wurde, wie stark sich das Anwendungsspektrum in den vergangenen Jahren erweitert hat. Die vorgestellten Beispiele reichten von Luft- und Raumfahrt über Energie und Bahntechnik bis hin zu Bauwesen und maritimen Strukturen. Auffällig war dabei, dass viele der vorgestellten Projekte nicht mehr auf reine Machbarkeitsnachweise abzielten, sondern konkrete industrielle Fragestellungen im Mittelpunkt standen.
Alloy Additive berichtete über Titanbauteile für Raumfahrtanwendungen, während Guaranteed die Entwicklung additiv gefertigter Grid Fins mit komplexen Geometrien für Raketen präsentierte. Siemens Energy und Gefertec zeigten den Weg zur Serienfertigung von Dampfturbinenschaufeln, also hochbelasteten Komponenten. SNCF Voyageurs arbeitet im Projekt Additive4Rail daran, WAAM für die langfristige Versorgung mit Ersatzteilen im Schienenverkehr zu qualifizieren.
Auch Beiträge aus dem Bauwesen zu Materialeffizienz und Nachhaltigkeit sowie aus einem europäischen Forschungsprojekt zu architektonischen Strukturen für Kreuzfahrtschiffe verdeutlichten, dass WAAM zunehmend in Anwendungsfeldern betrachtet wird, die weit über die klassischen Einsatzgebiete der additiven Metallfertigung hinausgehen.
Von der Technologie zum industriellen System
Insgesamt zeigte sich mit den unterschiedlichen Fachvorträgen auf dem WAAMathon #3 noch eine weitere Entwicklung. Die Diskussionen drehen sich zunehmend nicht mehr um den eigentlichen Fertigungsprozess, sondern um das industrielle Umfeld, das für einen breiten Einsatz der Technologie erforderlich ist. Damit verschiebt sich die Herausforderung zunehmend von der Prozessentwicklung auf die Systemebene.
Während in den frühen Jahren der Technologieentwicklung häufig Fragen zu Aufbauraten, Werkstoffen oder Prozessstabilität im Vordergrund standen, beschäftigten sich viele Beiträge mit Themen wie Datenmanagement, Simulation, Materialqualität, Qualifizierung und Standardisierung. Damit verschiebt sich der Fokus zunehmend von der einzelnen Maschine auf die gesamte Prozesskette.
Ob bei der automatisierten Parametrierung, der digitalen Prozessüberwachung, der Qualifizierung von Ersatzteilen für den Schienenverkehr oder der Herstellung sicherheitskritischer Komponenten für Energie- und Raumfahrtanwendungen: Die industrielle Nutzbarkeit hängt immer stärker vom Zusammenspiel verschiedener Disziplinen ab.
WAAM entwickelt sich damit zunehmend von einer einzelnen Fertigungstechnologie zu einem industriellen System, in dem Materialhersteller, Softwareanbieter, Maschinenbauer, Anwender und Standardisierungsorganisationen eng zusammenarbeiten müssen.
Standardisierung als Gemeinschaftsaufgabe
Diese Fragen standen auch im Mittelpunkt der abschließenden Podiumsdiskussion „Standardization and Certification: What Else is Needed for Scaling Up?“, moderiert von Stefanie Brickwede (Mobility Goes Additive/Deutsche Bahn). Vertreter von KSB, Qualified AM, Siemens Energy sowie ASTM International/Wohlers Associates waren sich einig, dass harmonisierte Normen und belastbare Qualifizierungsprozesse eine zentrale Voraussetzung für die weitere Verbreitung der Technologie darstellen.
Mehrfach wurde darauf verwiesen, dass Unternehmen insbesondere in regulierten und sicherheitskritischen Branchen belastbare Nachweise benötigen, bevor additive Verfahren in die Serienfertigung überführt werden können.
Gleichzeitig wurde deutlich, dass die bestehenden Regelwerke in vielen Bereichen noch nicht mit der Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung Schritt halten. Normung bleibt deshalb eine Gemeinschaftsaufgabe, die nur durch die aktive Mitwirkung von Anwendern, Technologieanbietern, Forschungseinrichtungen und Standardisierungsorganisationen erfolgreich gestaltet werden kann. Die Panelisten luden Interessierte im Publikum nachdrücklich ein, sich in den entsprechenden Arbeitsgruppen der Normierungsinstitute einzubringen.
(Quelle: Berlin.Industrial.Group. (B.I.G.))
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