Auf der Hannover Messe 2026 hat der VDMA eindringlich vor einer weiteren Verschlechterung der Standortbedingungen für den Maschinen- und Anlagenbau in Deutschland gewarnt. Verbandspräsident Bertram Kawlath machte deutlich, dass viele Unternehmen zwar weiterhin am Standort festhalten wollten, neue Investitionen jedoch zunehmend in Länder mit besseren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verlagerten. Hintergrund seien ausbleibende Strukturreformen, steigende regulatorische Belastungen sowie hohe Kosten.
Besonders kritisch sieht die Branche den CO₂-Grenzausgleichsmechanismus der EU (CBAM), der laut einer aktuellen VDMA-Erhebung für zahlreiche mittelständische Unternehmen erhebliche bürokratische Hürden schafft und die Wettbewerbsfähigkeit auf internationalen Märkten beeinträchtigt. Rund 40 Prozent der befragten Unternehmen ziehen demnach eine Verlagerung von Aktivitäten außerhalb der EU in Betracht, während mehr als ein Drittel mit einem Abbau von Arbeitsplätzen rechnet. Kawlath sprach in diesem Zusammenhang von „erreichten Grenzen der Leidensfähigkeit“ und forderte eine politische Kurskorrektur in Berlin und Brüssel.
Der Verband plädiert für umfassende Reformen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit. Dazu zählen insbesondere ein spürbarer Abbau von Bürokratie, schnellere und digitalisierte Genehmigungsverfahren sowie eine Entlastung bei Steuern und Sozialabgaben. So fordert der VDMA unter anderem eine Begrenzung der Sozialversicherungsbeiträge auf 40 Prozent sowie eine Senkung der Unternehmenssteuern auf ein international wettbewerbsfähiges Niveau von etwa 25 Prozent. Auch bei der Flexibilisierung der Arbeitszeit sieht die Branche weiterhin erheblichen Nachholbedarf.
Kritisch bewertet der Maschinenbau zudem die aktuelle EU-Politik. Zwar erkenne die EU-Kommission die Bedeutung der Wettbewerbsfähigkeit grundsätzlich an, konkrete Maßnahmen wie der Critical Raw Materials Act, der Digitale Produktpass oder neue Verpackungsvorschriften führten jedoch vielfach zu zusätzlichen Belastungen, ohne die Position der Industrie nachhaltig zu stärken.
Gleichzeitig zeigt sich die Branche technologisch gut aufgestellt. Insbesondere Künstliche Intelligenz entwickelt sich laut VDMA zunehmend zur Schlüsseltechnologie im Maschinen- und Anlagenbau. Bereits 31 Prozent der Unternehmen setzen KI produktiv ein, weitere 37 Prozent arbeiten an Pilotprojekten. Insgesamt beschäftigen sich 87 Prozent der Unternehmen intensiv mit entsprechenden Anwendungen. Der Verband betont, dass die Digitalisierung in vielen Betrieben strategisch verankert sei und der Maschinenbau international wettbewerbsfähig agiere – auch wenn Herausforderungen etwa bei IT-Sicherheit, Change Management und Ressourcen bestehen bleiben.
„Wir hören von immer mehr Mitgliedsfirmen, dass sie am Standort Deutschland zwar festhalten wollen, neue Investitionen aber in anderen Ländern mit besseren Bedingungen tätigen.“ Bertram Kawlath, VDMA-Präsident
Zusätzliche Wachstumsimpulse erwartet die Branche von neuen Technologiefeldern wie der humanoiden Robotik. Laut der Studie „Humanoid Robotics 2040“ könnten sich hier bis zum Jahr 2040 milliardenschwere Märkte entlang der gesamten Wertschöpfungskette entwickeln. Auch der Ausbau der Verteidigungsindustrie eröffnet dem Maschinenbau neue Geschäftsfelder, insbesondere durch steigende Nachfrage nach automatisierten Produktionslösungen.
Ungeachtet dieser Perspektiven bleibt die konjunkturelle Lage angespannt. In den ersten beiden Monaten des Jahres 2026 ist die Produktion im Maschinenbau in Deutschland real um 2 Prozent zurückgegangen, die Auftragseingänge sanken um 9 Prozent. Die Kapazitätsauslastung lag zuletzt bei lediglich 77,1 Prozent. Belastend wirken weiterhin geopolitische Unsicherheiten, darunter die Folgen internationaler Konflikte, Handelsrestriktionen sowie hohe Energiepreise und anhaltende Störungen in den Lieferketten. Vor diesem Hintergrund bestätigt der VDMA zwar seine Prognose eines leichten Produktionswachstums von real 1 Prozent für das Gesamtjahr 2026, verweist jedoch auf erhebliche Risiken.
Auch am Arbeitsmarkt zeigt sich die schwierige Entwicklung. Ende 2025 waren im deutschen Maschinenbau knapp eine Million Menschen beschäftigt – ein Rückgang um 2,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Laut VDMA dürfte sich dieser Trend fortsetzen. Zugleich verschärft sich der internationale Wettbewerb, insbesondere durch chinesische Anbieter, die technologisch aufgeholt haben und ihre Produkte häufig deutlich günstiger anbieten können.
Positive Impulse erwartet die Branche unter anderem vom diesjährigen Partnerland Brasilien. Deutschland und Brasilien verbindet eine enge wirtschaftliche Zusammenarbeit, wobei insbesondere Maschinen für Antriebstechnik, Nahrungsmittel- und Verpackungsindustrie sowie Förder- und Fluidtechnik gefragt sind. Allerdings dürften Effekte aus dem Mercosur-Abkommen aufgrund langer Übergangsfristen erst mittelfristig wirksam werden.
Geschäftsfeld Defence eröffnet neue Chancen
Insgesamt macht der VDMA deutlich, dass der Maschinen- und Anlagenbau trotz technologischer Stärke und internationaler Wettbewerbsfähigkeit zunehmend unter strukturellem Druck steht. Ohne tiefgreifende Reformen drohe eine schleichende Erosion des Industriestandorts Deutschland. "Die Grenzen der Leidensfähigkeit sind auch im Maschinen- und Anlagenbau erreicht."
(Quelle: VDMA)
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