Technologien
CO₂-Einsparpotenzialen additiv gefertigter Kunststoffbauteile - © Magnitherm
15.03.2026

Additive Fertigung als Schlüssel für resiliente Lieferketten

Globale Lieferketten stehen unter Druck. Geopolitische Spannungen, volatile Märkte und steigende Nachhaltigkeitsanforderungen zwingen Unternehmen, ihre Wertschöpfungsstrukturen neu zu denken. Additive Manufacturing (AM) entwickelt sich dabei vom reinen Fertigungsverfahren zum strategischen Instrument für resiliente, flexible und nachhaltige Produktionsnetzwerke. Wie dieser Wandel konkret aussieht, zeigt das Forum „Emerging & Supply Chain Industries“ am 5. Mai 2026 auf der rapid.tech 3D in Erfurt. Im Mittelpunkt des Forums, das von Peter Jain von der pro beam additive GmbH sowie Dr. Simon Jahn von der Günter-Köhler-Institut GmbH verantwortet wird, stehen Technologien und Geschäftsmodelle, die Lieferketten verkürzen, Reparaturprozesse integrieren und industrielle Abhängigkeiten reduzieren.

Moderne Produktionsinfrastruktur und -prozesse müssen sich den veränderten Anforderungen aus dem Markt anpassen. Höheres Tempo, mehr Flexibilität und gesteigerte Resilienz sind gefordert und benötigen eine Umgebung in der sich Anbieter und Nutzer moderner Technologien austauschen können. Peter Jain fasst den Forum Gedanken so zusammen: „Die Additive Fertigung hat das Potenzial, moderne Produktionsabläufe neu zu gestalten. Die rapid.tech 3D bietet die perfekte Mischung aus wissenschaftlichem Know-how-Transfer und Industrienähe, die es braucht, um auf die Bedürfnisse im Markt punktgenau reagieren zu können und Produktion mit modernen Werkzeugen neu zu denken.“

Reparatur statt Ersatz: DED als Business-Enabler

Direct Energy Deposition (DED) etabliert sich zunehmend als Bindeglied zwischen additiver und konventioneller Fertigung. Francesco Bruzzo (Fraunhofer IWS) und Alexander Wulfken (DMG MORI) zeigen, wie DED systematisch in hybride Fertigungsketten integriert wird – etwa in der Kombination aus Materialabtrag, additiver Materialaufbringung und anschließender Zerspanung. Diese Prozessketten ermöglichen nicht nur die effiziente Herstellung komplexer Hochleistungsbauteile, sondern eröffnen vor allem neue Reparaturstrategien. Beschädigte Komponenten aus Produktion und Betrieb lassen sich gezielt instandsetzen – ein entscheidender Beitrag zu Materialeinsparung, Kostensenkung und Versorgungssicherheit. Ergänzend beleuchtet der Beitrag „Rapid Response“ flexible, dezentrale Fertigungskonzepte: Mobile Containerlösungen mit Auftragschweißen und Fräsen erlauben die Ersatzteilproduktion direkt am Einsatzort. Generative KI unterstützt dabei die schnelle Parameterfindung, während Edge- und Cloud-basierte Prozessüberwachung für Qualitätssicherung sorgen. Beispiele aus der Schienenfahrzeugtechnik und der Verteidigungsindustrie zeigen, wie sich Verfügbarkeiten kritischer Komponenten drastisch erhöhen lassen.

In diesem Kontext erläutert Tobias Kamps, Senior Key Expert bei Siemens Foundational Technologies, die strategische Bedeutung additiver Fertigung für industrielle Kreislaufstrategien. Er ordnet AM im Kontext von Advanced Manufacturing und Circularity ein und zeigt auf, wie die Integration additiver Prozesse zu einem Hebel für Ressourcenschonung und Standortstärkung wird.

Nachhaltigkeit als Wettbewerbsfaktor

Hannes Heyke (Ampower) stellt eine Methodik zur Bewertung von CO2-Einsparpotenzialen additiv gefertigter Kunststoffbauteile vor. Auf Basis von Lebenszyklusanalysen werden nicht nur Produktions-, sondern auch Nutzungsphasen betrachtet. Der Ansatz geht über Einzelbauteile hinaus: Durch die Clusterung von Komponentenfamilien wird das gesamte Nachhaltigkeitspotenzial additiver Fertigung systematisch bewertet. Damit liefert AM belastbare Entscheidungsgrundlagen für Investitionen in nachhaltige Produktionsstrategien. Auch aus Industriekonzernsicht gewinnt das Thema an strategischer Bedeutung.

DED wird systematisch in hybride Fertigungsketten integriert– etwa in der Kombination aus Materialabtrag,  additiver Materialaufbringung und anschließender Zerspanung. - © Fraunhofer_IWS
DED wird systematisch in hybride Fertigungsketten integriert– etwa in der Kombination aus Materialabtrag, additiver Materialaufbringung und anschließender Zerspanung. © Fraunhofer_IWS
Plattformmodelle für neue Versorgungsstrukturen

Wie Additive Fertigung ganze Versorgungsfelder transformieren kann, zeigt das MedTech-Projekt ocla. Im Vortrag von Peter Körner, Geschäftsführer der Arca-Medica GmbH, wird deutlich, wie die patientenspezifische Ocularprothese einen bislang handwerklich geprägten Einzelprozess in eine durchgängig digitalisierte und ISO-13485-konforme Prozesskette der Additiven Fertigung transformiert. Auf Basis von OCT-Scanning und softwaregestützter Modellierung entstehen reproduzierbare, additiv gefertigte Prothesen. Die Trennung von zentraler digitaler Herstellung und lokaler klinischer Endanpassung ermöglicht erstmals eine skalierbare Plattformlösung für ein bisher stark fragmentiertes Versorgungsfeld. Mit weltweit rund acht Millionen Betroffenen und teils erheblichen Versorgungslücken zeigt dieses Beispiel eindrucksvoll, wie AM zur strukturellen Resilienz auch im Gesundheitssektor beitragen kann.

Peter Körner erläutert in seinem Beitrag sowohl technische Entwicklungen als auch organisatorische Rahmenbedingungen und teilt Praxisimpulse zur Integration solcher Plattformmodelle in bestehende Versorgungsstrukturen.

Additive Fertigung als strategischer Hebel

„Additive Fertigung ist heute weit mehr als eine Technologie für komplexe Geometrien. Sie wird zum strategischen Werkzeug für resiliente Lieferketten, nachhaltige Produktionssysteme und neue Geschäftsmodelle“, heißt es aus dem Fachbeirat der rapid.tech 3D.

Wie sich dieser strategische Anspruch konkret umsetzen lässt, verdeutlichen weitere Fachbeiträge im Forum Emerging & Supply Chain Industries: Dr. Siegfried Bähr, AM-Anwendungsspezialist, zeigt in seinem Vortrag zur additiven Fertigung von Wolframteilen mittels PBF-EB/M, wie robuste Prozessstrategien entwickelt und leistungsfähige Demonstratorbauteile für anspruchsvolle Hochtemperaturanwendungen realisiert werden können.

Dipl.-Ing. František Hacik, Globaler Vertriebsleiter Luftfahrt und Verteidigung, widmet sich dem Thema „Hochleistung in der Serie“ und erläutert, wie die kosteneffiziente additive Fertigung von Schalldämpfern den Schritt in die industrielle Serienproduktion ermöglicht – durch konsequente Funktionsintegration, reduzierte Teileanzahl und schlankere Lieferketten.

Das Forum Emerging & Supply Chain Industries macht deutlich: Wer industrielle Souveränität stärken will, muss Fertigung neu denken – dezentraler, digitaler und integrierter. Die rapid.tech 3D bietet dafür die Plattform zum interdisziplinären Austausch zwischen Industrie, Forschung und Anwenderbranchen.

Infos Aussteller und Besucher

(Quelle: Messe Erfurt GmbH)

Schlagworte

Additive FertigungDEDFertigungsverfahrenGlobalisierungLieferkettenNachhaltigkeitResilienz

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