Kommentar
Daniel Fellhauer - © Daniel Fellhauer
12.01.2026

Warum ein PDF noch keine Digitalisierung ist

Viele Betriebe des deutschen Handwerks halten sich mit digitalen Angebots-Tools und PDFs für modern, doch Daniel Fellhauer warnt vor Stillstand. Der Gründer und CEO von Febesol GmbH sieht nicht den Fachkräftemangel als größte Gefahr, sondern mangelnde Digitalisierung und veraltete Führungsstrukturen. Der Fachkräftemangel sei teils „künstlich erzeugt“ – durch fehlende Spezialisierung und ineffiziente Prozesse. Laut Fellhauer liegt die Verantwortung hierfür oft in der Führungsetage: Innovation werde eher aus Prestigegründen blockiert anstatt den Nutzen von Prozessautomatisierung zu erkennen. Statt teurer Software fordert Fellhauer den Fokus auf die Kernfrage jedes Unternehmens zu richten: Welche Arbeit ist profitabel und wie lassen sich die dafür nötigen Abläufe standardisieren?

Das Handwerk ist eine tragende Säule der deutschen Wirtschaft: Rund 5,6 Millionen Beschäftigte in über einer Million Betrieben1  sorgen für eine stabile Konjunktur sowie hochwertige Produkte und Dienstleistungen. Etwa 342.000 junge Menschen erhalten im Handwerk eine qualifizierte Ausbildung2. Gleichzeitig steht die Branche vor massiven Herausforderungen: Der oft zitierte, angebliche Fachkräftemangel, Nachwuchsprobleme und zunehmender Wettbewerbsdruck belasten Betriebe aller Größen. Daniel Fellhauer, der seit über 20 Jahren im Handwerk tätig ist, kritisiert jedoch einen weit verbreiteten Irrtum: „Das Handwerk glaubt digital zu sein – ist es aber nicht.“

Fachkräftemangel existiert im Handwerk nicht – Digitalisierungsmangel schon

Fellhauer, der als Gründer und CEO der Febesol GmbH einen engen Praxisbezug hat, vertritt die These, dass der Fachkräftemangel in Teilen „künstlich erzeugt“ sei. Seiner Ansicht nach fehlen in vielen Betrieben nicht die Arbeitskräfte, sondern vielmehr eine strukturierte Spezialisierung und moderne Prozesse. Viele Betriebe würden an festgefahrenen Denkweisen wie „Das haben wir schon immer so gemacht“ oder „So wie bei euch geht das bei uns nicht“ festhalten.  Als Ursache nennt er häufig Entscheidungen auf Führungsebene: Manche Chefs würden Entwicklungen verpassen und Digitalisierung aus Prestigegründen oder fehlendem Verständnis ablehnen. Für Fellhauer beginnt Innovation mit einer betriebswirtschaftlichen Analyse, wie zum Beispiel der Frage, welche Tätigkeiten besonders gerne erledigt werden oder den größten Gewinn bringen. Diese Antworten sollten seiner Meinung nach als Ausgangspunkt für eine Spezialisierung und die Weiterentwicklung des Geschäfts dienen.

PDF als digitales Trugbild

Fellhauers Einschätzung fällt ernüchternd aus: Eine echte Transformation finde in vielen Betrieben kaum statt. „Ein PDF ist lediglich das digitale Abbild eines analogen Prozesses, keine echte Digitalisierung“, stellt er klar.  Zwar nutzen viele Unternehmen Angebotssoftware, doch entscheidend sei die Abbildung von Prozessen – nicht das fertige Dokument. Als derzeit wichtigen Treiber nennt Fellhauer WhatsApp, das auf Baustellen häufig für den schnellen Austausch von Texten und Bildern genutzt wird. Gerade in wiederkehrenden Fragen und Bildern sieht er Ansatzpunkte für echte Standardisierung und Softwarelösungen.

Aufbruch in die Zukunft

Fellhauer warnt, dass das Handwerk ohne digitale Strategie an Attraktivität für junge, technikaffineNachwuchskräfte verlieren werde. Oft reichten dafür bereits einige gezielte Maßnahmen: mehr Standardisierung, etwa durch automatisierte Dokumentation und Personalplanung. Außerdem eine modernisierte Ausbildung, in der Digitalisierung verbindlich in Meisterschulen und Berufsschulen verankert ist. Auch Kammern und Verbände sollten aus seiner Sicht stärker Impulse setzen und Veränderungen unterstützen, statt den Status quo zu bewahren. Sein Appell richtet sich an Betriebe und Entscheider gleichermaßen: Digitalisierung darf nicht als Bedrohung, sondern muss als einzige Chance zur langfristigen Wettbewerbsfähigkeit gesehen werden.


1 https://www.zdh.de/daten-und-fakten/kennzahlen-des-handwerks/

2 https://www.zdh.de/daten-und-fakten/kennzahlen-des-handwerks

(Quelle: Daniel Fellhauer)

 

 

Schlagworte

AusbildungAutomatisierungDigitalisierungFachkräftemangelHandwerkInnovationNachwuchskräfteProzesseStandardisierung

Verwandte Artikel

12.08.2026

Berufskleidung für gemischte Teams: Passform und Organisation entscheiden

Ein einheitlicher Auftritt allein reicht bei der Ausstattung gemischter Teams nicht aus. Unterschiedliche Körperformen, Tätigkeiten und persönliche Anforderungen müssen e...

Beton Handwerk Industrie Persönliche Schutzausrüstung PSA PTA Reinigung Reparatur
Mehr erfahren
11.08.2026

Photonics Austria wählt Irene Reichl zur stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden

Dr. Irene Reichl, Account Manager Academic bei CADFEM Austria, ist neue stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Technologieplattform Photonics Austria. Gemeinsam mit fü...

Automatisierung CAD ERP FEM Halbleitertechnik Simulation
Mehr erfahren
11.08.2026

Aluminiumkennzeichnung für rückverfolgbare Produktionsprozesse

REA Elektronik zeigt auf der Aluminium 2026 Systeme zur industriellen Kennzeichnung und Codeprüfung. Im Mittelpunkt stehen Lösungen für Profile, Barren, Bleche, Coils und...

Aluminiumbau Aluminiumbauteile Aluminiumprofile Aluminiumverarbeitung Automatisierung Automobilindustrie Faserlaser Halbzeuge Laser PPE Produktionsprozess Werkstoffe
Mehr erfahren
10.08.2026

PVC-Geomembranen automatisiert zu Auffangsystemen schweißen

Geosoluciones fertigt in Kolumbien modulare Auffangsysteme für Kohlenwasserstoffe und andere industrielle Flüssigkeiten. Zum Fügen der verstärkten PVC-Geomembranen setzt...

Anlagen Automatisierung Eichung Fertigungsprozess Fügen Kohlenwasserstoff Nahtqualität Schweißen STEM TIG Verbindungen Wasserstoff
Mehr erfahren
09.08.2026

Arbeitsdruck und Fachkräftemangel belasten Sicherheit auf Baustellen

Wachsende Baukosten, fehlende Fachkräfte und enge Zeitpläne erhöhen den Druck auf Baustellen in Deutschland. Laut der Studie „Bauindex 2026“ von Boels Rental wirkt sich d...

AM Arbeitssicherheit Baustellen Fachkräfte Fachkräftemangel
Mehr erfahren